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Köln: Biedermann Bush, Brandstifter Bin Laden

Köln : Biedermann Bush, Brandstifter Bin Laden

Der US-Präsident tatscht seiner Außenministerin an den Hintern, steckt seine Nase tief in ihr Dekolleté und prophezeit: „Eines Tages wird das ungezähmte Feuer der Freiheit auch die dunkelsten Ecken der Welt erreichen.” Das könnte man als Drohung verstehen.

Doch George W. Bush und Condoleezza Rice ernten viele Lacher. Ebenso ihre Gegenspieler von der „Achse des Bösen”: Osama Bin Laden, bewaffnet mit einem Maschinengewehr, und Saddam Hussein, der - wie frisch aus dem Loch gekrochen - mit Vollbart und aneinandergeketteten Füßen hereinstapft. Ein groteskes Gipfeltreffen der Mächtigen.

Brennstoff-Fässer

Anlass ist seltsamerweise ein Drama kleinerer Leute: „Biedermann und die Brandstifter”, von Max Frisch 1957 geschrieben. Darin haben Bush und Co. überhaupt nichts zu suchen.

Doch Regisseur Torsten Fischer dachte sich: „Andere Zeiten, andere Biedermänner!” Und so hat er Frischs Figuren im Kölner Schauspielhaus kurzerhand das Outfit der meistgehassten Politstars unserer Tage verpasst.

Da müssen die Zuschauer erst einmal munter zuordnen: Wer tummelt sich da zwischen lachsfarbener Couchgarnitur und Dutzenden von gelben Brennstoff-Fässern?

Ein Öl-Milliardär mit Cowboyhut, Zigarre und US-Flagge am Anzug-Revers: Biedermann George W. Bush. Martin Reinke imitiert Gestik und Mimik des Texaners mit schweißtreibender Lässigkeit. Biedermanns Dienstmädchen spielt die dunkelhäutige Anja Herden, das Dauerfrostlächeln ins Gesicht und die Mappe unter den Arm geklemmt: bis zur Zahnlücke eine ideale Condi-Kopie.

Die Brandstifter Schmitz und Eisenring, die sich bei Biedermann einnisten, sind verkleidet als Osama und Saddam. Dazwischen mit Baseballkappe und gut im Futter, unverkennbar: Filmemacher und Bush-Kritiker Michael Moore alias Dr. phil.

Diese verblüffenden Ähnlichkeiten und witzigen Anspielungen kombiniert Fischer mit Kriegsanklage und Folterbildern aus Abu Ghoreib. Das ist knapp 80 Minuten lang spannend. Aber hat das noch irgendetwas mit dem Originaltext - oder zumindest dem, was noch davon übrig bleibt - zu tun? Erstaunlich viel sogar. Nicht nur die zufällig identischen Initialen von Gottfried Biedermann und George Bush sind auf den ersten Blick frappierend.

Reizvoller Vergleich

Montierte Auszüge aus Bushs Inaugurationsrede offenbaren eine ähnliche Feuer-Metaphorik und religiöse Rhetorik wie Frischs Drama. Damit Bush-Biedermann als selbsternannter Retter der Welt erscheint, muss Fischer ihm allerdings Text-Passagen des wachsamen Feuerwehrmann-Chors unterjubeln. Doch heizt Bush den Terrorismus wirklich so an wie Biedermann, der den Brandstiftern das Streichholz reicht?

Reizvoll ist die Aufführung vor allem im Vergleich: Wer nämlich die aktuelle Aachener „Biedermann”-Inszenierung gesehen hat, kann dankbar sein und überrascht. Aus Frischs Text ist tatsächlich mehr herauszuholen als ein lahmes Lehrstück mit viel Leerlauf.

Hatte Regisseur Ali M. Abdullah in den Kammerspielen fast in Form eines Hörspiels wohl das Allgemeingültige der Parabel betonen wollen, ohne sie konkret zu verorten, so wagt Fischer in Köln das andere Extrem: Er holt das Stück direkt ins Hier und Heute, bezieht Stellung.

Die politische Satire birgt zwar die Gefahr der Vereinfachung, die Doubles sind Karikaturen, aber schon die Vorlage ist nicht sehr ambivalent. Nicht nur Verfechter der „Werktreue” regt die Aufführung vielleicht zumindest an, bei Frisch nachzublättern.

Oder genauer auf die Worte der Politstars zu hören. Am Ende sitzt auch Michael Moore mit seiner Videokamera am Tisch des Mächtigen, verschlingt die Reste von dessen Truthahn und lauscht Bush-Biedermann, dessen selbstgefälliges Grinsen im langsam erlöschenden Scheinwerferkegel glänzt: „Unsere Wache hat begonnen. Gott schütze euch!” Schon bedrohlich.