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Aachener Tanz-Festival Schrittmacher: Bewegend und inspirierend

Aachener Tanz-Festival Schrittmacher : Bewegend und inspirierend

Getanzte Kunstwerke: Die 25. Auflage des Aachener Tanz-Festivals Schrittmacher beginnt Anfang März. Zur Jubiläumsausgabe werden wieder internationale Gäste die Bühnen beherrschen. Bis heute reflektiert das Schrittmacher-Programm die Situation der Tanzszene.

Das 25. Festival Schrittmacher in Aachen trägt den Untertitel „Just dance!“. Der Aufforderung folgen seit 1993 bis heute die erfolgreichsten Compagnien. Zu Anfang gab es Veranstaltungspausen, dann wurde der Tanzrhythmus mit einem jährlichem Festival regelmäßig. Zur Jubiläumsausgabe vom 3. März bis 5. April werden 2020 wieder internationale Gäste die Bühnen beherrschen, darunter zahlreiche „alte Freunde“, die den Weg der Veranstaltung vom kleinen Space im Ludwig Forum für Internationale Kunst über die Mulde des Museums bis zum massiven Industriebau an der Philipsstraße 2, der Aachener Fabrik Stahlbau Strang, miterlebt haben.

Veranstaltungsleiter Rick Takvorian (64) lächelt versonnen, wenn er auf die ersten Jahre zurückblickt. Damals kam er aus London, hatte dort als Journalist über Tanz geschrieben und die neuesten Trends fasziniert analysiert. „Für mich gab es nie Grenzen zwischen den Kunstformen“, betont er. Es war eine Zeit des Aufbruchs. Pina Bausch hatte in Wuppertal mit ihrem Ensemble den Tanz revolutioniert. „Die Szene fing Feuer“, begründet Takvorian seine Entscheidung, Anfang der 90er Jahre die Aufgabe in Aachen anzunehmen. Der damalige Museumsleiter Wolfgang Becker sagte ihm ab 1991 den nötigen Freiraum zu und wünschte sich Tanz als Antwort auf die ausgestellte Kunst im neueröffneten Haus. Bestens.

Steffi Gerhards und Rick Takvorian organisieren das Festival. Foto: Andreas Steindl

Takvorian nutzte die Chance, und bald waren Tanzcompagnien sogar im Blick des Aachener Innovationspreises der Peter und Irene Ludwig Stiftung. 1996 ging die Auszeichnung an den Taipei Dance Circle, 1998 an das Projekt des norwegischen Choreographen Ingun Björnsgaard, der das Space mit Tüchern verhüllte. Mit den Aufführungsorten hat sich das Festival gewandelt. Im Space kochte der tänzerische „Underground“, wie es Takvorain beschreibt. Das Publikum kam zunächst zögerlich, dann voller Begeisterung.

Die Mulde des Museums öffnete sich dem Tanz. Sie hatte den Charme einer Arena, rundum Zuschauer, nicht unproblematisch. Damals dabei und im Jubiläums-Festival auf dem Programm: das Scapino Ballet Rotterdam. „Sie haben uns in all den Jahren die Treue gehalten“, freut sich Takvorian auf die aktuelle Produktion „The Square“. Ab 2006 entwickelte man im Ludwig Forum neue Konzepte – der Tanz gehörte bald nicht mehr dazu. Das Festival verlor seinen Ort inmitten der Ausstellung. Schrittmacher wurde Teil des Kulturbetriebes der Stadt Aachen.

Das Phoenix Dance Theatre zeigt „The Rite of Spring“ zu Strawinskys Komposition. Foto: ©Tristram Kenton/Tristram Kenton

Takvorian blieb Veranstaltungsmanager, sein Team wuchs erneut. Die Fabrik, das frühere Angebot eines Architekturbüros – eher eine vage Überlegung – war schon länger im Gespräch, plötzlich wurde die Idee zur Option. Schrittmacher ging zusammen mit der Bühnentechnik-Firma „artec“ in die Fabrik Stahlbau Strang, ein baulicher Kraftakt, engagiert unterstützt von der Besitzerfamilie Born. „Ich glaube an Schicksal, 2011 gab es das erste Programm dort“, erzählt der Veranstaltungsleiter, der die Devise vertritt: „Tanz ist eine große Entdeckungsreise.“

Dass sich Schrittmacher (der Titel stammt von Ehefrau Heike Takvorian) zu einem grenzüberschreitenden Phänomen entwickeln würde, hat zu Anfang niemand geahnt. Heute blicken Takvorian und Management-Mitarbeiterin Steffi Gerhards (33), die vor zehn Jahren ins Team kam, auf 250.000 Besucher und über 300 Compagnien zurück, die aus Europa und der weiten Welt anreisen, etwa aus Israel, Südafrika, Südamerika, Asien, den USA und Kanada. Seit bereits elf Jahren besteht die Zusammenarbeit mit dem Theater Heerlen, vier Jahre lang wird im Alten Schlachthof Eupen getanzt. Verstärkt kümmert sich Schrittmacher mit „Generation2“ um den Nachwuchs, bietet Workshops und Filme an.

Scapino Ballet Rotterdam kommt mit dem Stück „The Square“. Foto: Hans Gerritsen

Bis heute reflektiert das Schrittmacher-Programm die Situation der Tanzszene. „Egal, wie die Show aussieht, die Wow-Elemente finden im leeren Raum statt und werden von purer Bewegung ausgelöst“, gesteht Takvorian. Einer dieser Gänsehaut-Momente war die Uraufführung einer Auftragsarbeit: Die chinesisch-amerikanische Choreographin Yin Yue kam 2018 mit ihrer YY Dance Company nach Aachen und hatte „to soon to tell“ entwickelt – atemberaubend schlicht, höchst kunstvoll.

Oft war das Schrittmacher-Festival Ansporn zu Neuentwicklungen im Dialog von Bühne und Industriebau. Da baumelten schwere Taue von der Decke, an denen sich akrobatische Tänzer in die Höhe kämpften, wirbelten Frauen und Männer über Tische oder Mauern, wurde aus zärtlichen Umarmungen erstickendes Ringen. Es gab Aufreger, und das waren nicht etwa Gruppen, die in ihren Stücken nackte Haut zeigten. Als die kanadische Compagnie Marie Chouinard 2012 das Festival mit virtuosem Tanz kriechend und an Krücken und Rollatoren eröffnete, hielten die rund 400 Zuschauer in der Fabrik den Atem an. Zum Jubiläum ist die Company übrigens wieder dabei. Das Programm lautet „Radical Vitality“.

„Aktueller denn je“

Und manchmal setzt sich bei Schrittmacher unbemerkt ein Choreograph auf einen Besucherplatz. Als Richard Alston, Gründer der gleichnamigen Londoner Company, 2016 aus London anreiste, wollte er sich still ein normales Ticket kaufen und wurde an der Kasse abgewiesen: ausverkauft! Rick Takvorian holte ihn dann doch in die erste Reihe, in der 2015 bereits Hans van Manen, Gründer des gefeierten Nederlands Dance Theaters (NDT,) saß.

Tanz heute? „Er ist aktueller denn je“, meint der Veranstaltungsleiter. „Fitness, Körper, Bewegung, Inspiration, das kann man nur live erleben, man spürt es, atmet es.“ Schönheit und Qual verbinden sich zu heftigen Beats oder klassischer Kammermusik von Bach bis Chopin zu stets neuen, sich mit dem Wechsel der Bewegung verflüchtigenden Kunstwerken aus Licht, Klang und Körpern. „Das kann irritieren, und das soll es auch“, sagt Steffi Gerhards nach zehn Jahren Schrittmacher. „Mich hat allerdings bisher nichts geschockt.“