1. Kultur

Aachen/Kiew: Betraut Ukraine Sergej Kot mit Verhandlungen?

Aachen/Kiew : Betraut Ukraine Sergej Kot mit Verhandlungen?

„Es ist zwar noch nicht amtlich, aber wahrscheinlich, dass Sergej Kot von der ukrainischen Seite mit den Verhandlungen über die Aachener Bilder betraut wird.” Dies teilte uns jetzt Mario David Netter, der deutsche Freund und Assistent des ukrainischen Historikers und Beutekunst-Experten Sergej Kot (gesprochen: Kott), mit.

Und Netter versichert: „Weder Sergej noch ich haben finanzielle Absichten oder Interessen.”

Seit knapp 20 Jahren schon weiß Kot von den Aachener Gemälden aus dem Suermondt-Ludwig-Museum in Simferopol auf der Krim. Wie der Umgang mit der deutschen Beutekunst in der ehemaligen Sowjetunion abgelaufen ist, das machen weitere Hintergründe deutlich, die uns jetzt bekannt geworden sind. Im Übrigen: Wenn es auch bei dem Besuch von Kot in Aachen in den Jahren 2003 und 2004 tatsächlich „nicht um Geld gegangen” sei - dies erklärte die Frau des damaligen, 2007 verstorbenen Aachener Übersetzers Alexander Steininger, Gerda Steininger -, so war zumindest von einer „Kompensation” die Rede...

Bereits im Jahr 1986 stieß Kot in Kiew bei Archivarbeiten auf Geheimdokumente, die belegten, dass sich Gemälde aus Aachen auf der Krim befanden. Und was machte der Historiker mit den brisanten Unterlagen? Er nahm sie mit nach Hause und verschloss sie jahrelang in seinem Privatarchiv!

„Kaum zugänglich”

So schildert Netter, der Kot bei seinen Besuchen in Aachen begleitet hat, die „Entdeckung” und den weiteren Fortgang der Geschichte. Netter und Kot kennen sich seit 1995 von einer Studienreise der Bremer Universität nach Kiew. Ende des Jahres 2002 offenbarte Kot dem Freund sein Wissen um die Aachener Bilder. Beide beschlossen daraufhin, die Werke zu katalogisieren. Zu dem Zeitpunkt sollen die Gemälde in einem Geheimdepot gelagert und „kaum zugänglich” gewesen sein. „Die Geheimhaltung seitens der ukrainischen Seite erschwerte unsere Arbeit enorm”, erklärt Netter jetzt.

Bei seinem Besuch 2003 und 2004 in Bremen und Aachen soll sich Kot über den Verbleib ukrainischer Kunstgegenstände in Deutschland „schlau gemacht” haben. Netter: „Seine Idee war es damals gewesen, ukrainische Kunstgegenstände mit den Aachener Gemälden Zug um Zug auszutauschen.” Fragt sich allerdings, ob Kot zu einer solchen Maßnahme überhaupt von staatlicher Seite autorisiert war.

2004 waren beide dann nach eigener Schilderung zwei Tage im Archiv des Suermondt-Ludwig-Museums, um dessen Verlustliste zu sichten, zu kopieren und mit den eigenen Unterlagen zu vergleichen.

Netter: „Trotzdem hatten wir irgendwie den Eindruck bekommen, dass uns seitens des Suermondt-Ludwig-Museums kein großer Glaube geschenkt wurde und kein allzu großes Interesse bestand, mit uns zusammenzuarbeiten. Wahrscheinlich aus diesem Grunde wurde unsere Aachen-Reise nur teilweise finanziell mit unterstützt. Die Kosten, die wir in Deutschland hatten, wurden erstattet und auf mein deutsches Konto überwiesen. Außerdem wurde für uns in Aachen ein Hotelzimmer gebucht. Die Reisekosten von der Ukraine nach Deutschland wurden von uns selbst getragen.”

Wie vertrauenswürdig musste Sergej Kot den Aachener Kulturvertretern damals erscheinen? Steininger schreibt am 6. Mai 2004 einen Brief an das Museum: „Nebulös” und „geheimnistuerisch” findet er darin Kots Aussagen. Und als es um Angaben über den Verbleib der Bilder ging, soll Kot lediglich den „postsowjetischen Raum” genannt haben. Netter bestreitet das heute: „Er sprach immer von der Ukraine.”

Aufschlussreich ist Kots Vorgehen, wie es in seinem uns vorliegenden, übersetzten Brief vom 4. April 2004 an Steininger zum Ausdruck kommt, in dem er anbietet, nach weiteren Aachener Bildern zu fahnden. Darin spricht er offen von einer „Kompensation für meine Arbeit und die Ausgaben für meine Nachforschungen”. Er bittet Steininger um „Hilfe bei der Vorbereitung möglicher Bedingungen von meiner Seite aus, und zwar ausgehend von den Normen, die für einen qualifizierten deutschen Spezialisten und von der Größenordnung der zu lösenden Aufgaben her annehmbar sind”. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss Kot gewusst haben, dass es sich bei den Gemälden um Millionenwerte handelt.

Die Museumsleitung und Aachens Kulturdezernentin Isabel Pfeiffer-Poensgen gingen auf Kots Angebot nicht ein.

Die letzte Nachricht von Netter und Kot aus der Ukraine besagt nun, dass nach einem „vernünftigen Umgang miteinander” immer noch Chancen für einen „Kunstaustausch” bestünden. Und - Museumsdirektor Peter van den Brink wird sich freuen: „Die Bilder wurden restauriert und sind in einem guten Zustand.”

Als Beutekunst-Spezialist Dauergast in Rundfunk und Fernsehen

Sergej Kot ist Historiker und der anerkannte Beutekunst-Spezialist der Ukraine. Er hat mehrere Publikationen zu diesem Thema veröffentlicht, ist in der Ukraine Dauergast in Rundfunk und Fernsehen.

Einen Namen hat er sich unter anderem gemacht, als er ukrainische Fresken und Ikonen in Moskau und St. Petersburg ausfindig machte, katalogisierte und schließlich zurück in die Ukraine holte.

Kot ist von Hause aus Historiker, sein Studium beendete er im Jahr 1980.

Vor kurzem wurde er offiziell von der ukrainischen Regierung beauftragt, Gemälde der Simferopoler Galerie, die sich in Russland befinden, in die Ukraine zurückzuführen.

Die Angaben stammen von Kots deutschem, seit dem Jahr 2001 in Kiew lebenden Freund Mario David Netter.