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Aachen/Köln: Beltracchi: Wie viele Bilder des Fälschers sind im Umlauf?

Aachen/Köln : Beltracchi: Wie viele Bilder des Fälschers sind im Umlauf?

Sechs Jahre muss Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der mit selbst gemalten Expressionisten mehrere Millionen Euro ergaunert hatte, „sitzen”, nachdem seine Freiburger Anwälte die Revision kürzlich zurückgezogen haben.

Doch damit ist der eigentliche Skandal noch nicht zu Ende. Mit Spannung erwartet wird das Urteil in dem Zivilprozess zwischen der Gesellschaft Trasteco Limited, die ihren Sitz auf Malta hat, und dem Kölner Kunsthaus Lempertz.

Dabei geht es um das vermeintlich von Heinrich Campendonk stammende Gemälde „Rotes Bild mit Pferden”, das Trasteco 2006 bei Lempertz für den Rekordpreis von knapp 2,9 Millionen Euro (inklusive Aufschlag) ersteigert hatte - tatsächlich gemalt hat es Beltracchi. Aufgeflogen war die Fälschung, nachdem Trasteco, misstrauisch geworden, nach dem Erwerb eine chemische Untersuchung in Auftrag gegeben hatte. Ergebnis: Das Pigment Titanweiß stand zur Zeit der Entstehung des Bildes gar nicht zur Verfügung. Trasteco erstattete Anzeige.

In dem Zivilprozess geht es darum, Lempertz eine grob fahrlässige Echtheitsfeststellung des Bildes nachzuweisen. Sollte das tatsächlich gelingen, wäre der Haftungsausschluss - nach drei Jahren muss selbst ein nachweislich gefälschtes Bild vom Auktionator nicht mehr zurückgenommen werden - hinfällig. Wenn nicht, bleibt Trasteco auf der millionenschweren Fälschung sitzen. Das Urteil fällt am 19. Januar vor dem Kölner Landgericht.

Aber selbst mit diesem „Fanal” sieht ein Aachener Experte, der sich in der Museumswelt ebenso auskennt wie auf dem Kunstmarkt, längst noch kein Ende der Fahnenstange in dem bizarren Skandal: Peter van den Brink, Direktor des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums. Er sitzt im übrigen selbst auf einer Fälschung im eigenen Museumskeller: einem Hieronymus Bosch, wie er uns bei der Gelegenheit erzählte.

„Es würde mich nicht wundern”, sagt er, „dass sich noch weitere Beltracchis auf dem Markt befinden.” Und er mag nicht einmal ausschließen, dass sie selbst in dem gemeinhin als sicherer Hort und Garant für Echtheit geltenden, weltweit anerkannten „Mekka der Kunst” unerkannt auftauchen könnten: der Messe Tefaf in Maastricht. Seine Begründung: „Es ist doch kein Zufall, dass es diese Fälschungen immer wieder in einem ganz bestimmten Bereich gibt: beim Expressionismus, zumal dem abstrakten Expressionismus. Der lässt sich eben einfacher fälschen.

Das hängt auch mit der Qualität dieser Kunstrichtung zusammen. Pointilisten zu fälschen oder einen Monet zum Beispiel, das wäre ungleich schwieriger. Aber bei den Expressionisten ist die Situation so, dass es schwierig ist, eine bestimmte Handschrift, eine Qualität im Zusammenhang zu erkennen. Diese Künstler haben ja auch mitunter mal eben irgendetwas zu malen angefangen.”

Ein Beispiel ist für van den Brink kennzeichnend und aufschlussreich für die ganze Szene: Karel Appel (1921-2006), niederländischer Künstler, Mitbegründer der Gruppe Cobra. „In den 80ern gab es in Amsterdam eine Versteigerung von vier Bildern Appels. Spezialisten wollten nach der Auktion erkannt haben: Es handelt sich um Fälschungen. Da war die Panik aber groß. Zum Glück lebte Appel noch. Was tat man also? Man fragte ihn, ob die Werke von ihm seien. Und was hat er gesagt? Kann sein... Selbst er konnte nicht mit Sicherheit feststellen, ob die Bilder von ihm stammten. Später kam dann tatsächlich heraus: Es waren Fälschungen.”

„Es ist die fehlende Distanz”, sagt der Museumsdirektor. „Sie macht es so schwierig, echt von falsch zu unterscheiden. In 100 Jahren wird man darüber lachen können, dass man einen Beltracchi für echt gehalten hat.”

Eine Parallele zieht van den Brink zu dem Jahrhundertfälscher Han van Meegeren. Der niederländische Maler, dessen eigene Werke als Kitsch abqualifiziert wurden, verstand sich als verkanntes Genie und wollte aus Frust aller Welt zeigen, was er tatsächlich drauf hat: Er fälschte bis 1945 Gemälde von Frans Hals, Pieter de Hooch und vor allem Jan Vermeer und verdiente Millionen damit. Während der deutschen Besatzung gelang es ihm sogar, über einen Kunsthändler Hermann Göring einen gefälschten Vermeer anzudrehen: „Christus und die Ehebrecherin”. Kaufpreis angeblich: 1,65 Millionen Gulden.

„Heute lachen wir darüber, dass man die Bilder von van Meegeren damals für echt gehalten hat”, erklärt van den Brink. „Heute wissen wir aber auch sehr viel mehr über Vermeer und überhaupt seine Zeit und seine Malerei. Ähnlich wird es einmal mit dem abstrakten Expressionismus sein, wenn das ganze Oeuvre vorliegt, und wenn die Distanz dazu da ist.”

Das Aachener Museum indessen ist gewappnet, wenn es darum geht, die eigenen Bestände um ein Objekt vom Kunstmarkt zu erweitern. Beispiel: das Gemälde „Besuch der Bauernfamilie” von Cornelis Bega aus dem 17. Jahrhundert, dessen Retrospektive das Kunstereignis des Jahres 2012 werden soll. Bevor das Bild auf der Tefaf in Maastricht im Jahr 2005 für 150 000 Euro erworben wurde, hatte man zwei ausgewiesene Experten mit schriftlichen Gutachten beauftragt. Zusätzlich nahmen die hauseigenen Restauratoren das Werk eingehend unter die Lupe.

Zum Vergleich: Eine schriftliche Expertise zu Campendonks „Rotes Bild mit Pferden” soll nach Aussagen der Genfer Galerie Artveras vor der Versteigerung bei Lempertz nicht vorgelegen haben. Trasteco hielt sich an die Empfehlung der Galerie, eine Expertise anfertigen zu lassen - allerdings nach der Versteigerung.

Beispiel aus dem eigenen Haus

Nach Darstellung Artveras kam dann bei dieser Überprüfung die Fälschung an den Tag. Der Aachener Museumsdirektor - und wohl auch alle ernstzunehmenden Kollegen - wären anstelle von Trasteco anders vorgegangen.

„Zu allen Jahrhunderten wurde Kunst gefälscht”, meint van den Brink lächelnd und zeigt uns ein Exemplar, das sich im eigenen Depot des Hauses befindet: das Bild „Anbetung der Könige” von Hieronymus Bosch (1450-1516). Nur: Das Werk stammt nicht von Bosch, es sieht nur so aus. Es handelt sich um eine Kopie, im 16. Jahrhundert entstanden und vermutlich damals bereits als Fälschung verkauft.

Peter van den Brink erklärt den Hintergrund: Pieter Brueghel d. Ä. hat in seinen künstlerischen Anfängen in ganz Europa, vor allem in Spanien, einen wahren Bosch-Boom ausgelöst, als er in einer Antwerpener Werkstatt Entwürfe für Kupferstiche anfertigte nach Motiven von Bildern Hieronymus Boschs. Die waren offensichtlich ganz nach dem Geschmack der Zeit - sie gingen weg wie warme Semmeln. Das brachte andere Werkstätten auf eine einträgliche Idee: Warum eigentlich nur Kupferstiche in der Art von Bosch-Bildern auf den Markt bringen, warum nicht gleich ganze Gemälde? Und so wurde Bosch kopiert, was das Zeug hielt - allerdings nicht immer unter der Angabe: Achtung, nur eine Kopie. Manches Werk wurde, wie vermutlich auch die „Anbetung der Könige”, als „Original” an den Mann gebracht.

Das Gemälde kam 1912 als Geschenk des Sammlers Adam Bock ins Aachener Museum. Van den Brink will es demnächst in einer Dossier-Ausstellung präsentieren.