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Aachen: Beijing Dance Theater begeistert beim Schrittmacher-Festival

Aachen : Beijing Dance Theater begeistert beim Schrittmacher-Festival

Unter einem fernen kalten Mond am nächtlich schwarzen Himmel entwickeln die 14 Tänzerinnen und Tänzer des 2008 in China gegründeten Beijing Dance Theaters hypnotische Kräfte. Sie bannen ihr Publikum beim Schrittmacher-Tanzfestival in der Fabrik Stahlbau Strang vom ersten Augenblick an.

Die Choreographie „Wild Grass” von Compagnie-Gründerin Wang Yuanyuan, die persönlich nach Aachen gekommen ist, erschüttert, weckt Emotionen, Staunen, Mitgefühl und Bewunderung für extravagante und exquisite Tanzsprache.

Poetisch inspiriert

In diesem bestens trainierten Ensemble wird auf der Basis klassischer Ballettausbildung Modern Dance gepflegt, der in seiner sicheren, schnörkellosen Ausdrucksweise rituelle Bewegungsmuster aus chinesischer Tradition mit eleganter Internationalität verbindet. In ihrer Arbeit hat sich Wang (im Chinesischen steht der Familienname vor dem Vornamen) vom Werk des Dichters Xun Lu (1881-1936) inspirieren lassen. Xun gilt als einer der bedeutendsten Autoren seines Landes, als ein schreibender „Rebell“: Vor ihm hatte niemand gewagt, Prosa oder Lyrik in alltäglicher Sprache zu schreiben. Der häufig düstere Blick auf das Leben hat den Poeten nicht davon abgehalten, in leidenschaftlichen, gern ambivalenten Bildern zu schwelgen.

Choreographin Wang und ihr Ensemble setzen drei Stücke aus dem Zyklus „Wild Grass“ kongenial um, eine bewegte Installation aus sich biegenden, wiegenden, sinkenden und aufsteigenden Körpern, die ein faszinierendes Eigenleben entwickeln. Speziell komponierte Musik und ein geschicktes Licht- und Bühnendesign schicken die Tanzenden im ersten Teil „Dead Fire“ in eine von luftig weißen Flocken beschneite Welt.

Minimalistische Klänge lenken konzentriert die zunächst unterkühlten Bewegungsabläufe, wobei die äußere Strenge mehr und mehr von innerer Hitze durchglüht wird. Das klingt in der Musik mit. Erstarrte Posen werden wiederholt in wirbelnde Bewegungen verwandelt, doch der aufbegehrende Tänzer im dunkelroten mythischen Outfit geht schließlich doch unter in der hell-pastellenen Gruppe der Schattenwesen. Hier zeigen sich tänzerisches Ausdrucksvermögen, schöne Synchronität und — besonders bei den Frauen — eine Feinheit, die an zartes Porzellan erinnert.

Kurze Kleider aus fließendem Stoff lassen die Tänzerinnen wie vom Wasser gewiegte Seeanemonen erscheinen. Sie sinken schließlich zu Boden und erstarren wie helle gedrehte Muscheln in urzeitlicher Pose, die sich um keinen Millimeter verändert, als man sie langsam von der Bühne zieht.

Temperament, Spielfreude und Provokation prägen „Farwell Shadows“, ein Tanz zwischen Licht und Schatten. Die Tänzerinnen tragen schwarze Zweiteiler, erotisch und zugleich ideal, um Beweglichkeit und tänzerische Virtuosität zu zeigen, während die Partner sie vor geöffneter Industriekulisse wie Puppen in schwindelerregendem Tempo biegen, drehen, heben, knicken. Wer spielt hier mit wem? Kokette Blicke ins Publikum, eine subtile Raffinesse, Lockungen — das ist der Triumph der Weiblichkeit.

Nach der zweiten Pause hat sich die Bühne für „Dance of Extremity“ verwandelt. Ein gelblich trockener Teppich aus struppigem Sisal zeigt verdorrtes Leben, eine feindliche Wüste, in der die Schatten der Menschen „eingetaucht sind in des Lebens Schwindel erregendes qualvolles Glück“ — eine für den Dichter so typische Sicht, die Choreographin Wang in mutige Bilder umsetzt.

Der unwirtliche Ort wird zum staubigen Kampfplatz, wo stürzende Menschen fast augenblicklich zu versinken und zu schrumpfen scheinen. Verzweifelte Gegenwehr mündet in brutaler Unterwerfung, ein aufragender, dunkler „Meister der Vergänglichkeit“ erstickt unerbittlich jeden Schrei, jedes Aufbegehren und holt Zug um Zug ein starkes Seil vom Himmel — den letzten Lebensfaden — all das grandios getanzt.

Das Publikum bedankt sich mit lang anhaltendem, stürmischem Applaus für eine herausragende Leistung in der Aachener Fabrikhalle.