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Köln: Bei Van Ham gerät Kunst regelmäßig unter den Hammer

Köln : Bei Van Ham gerät Kunst regelmäßig unter den Hammer

Klar ist das Kunst und Kultur. Und genauso eindeutig begegnen wir den faszinierenden Welten von Marketing und Handel. Ein Auktionshaus bietet viele Facetten von Alltag und Exklusivität, von Eleganz und Routine, vor allem aber von der Freude an einem Beruf, der gewiss etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches ist.

Markus Eisenbeis gehört zu dieser Spezies, die Kunst schätzt — im doppelten Sinne. Er ist persönlich haftender Gesellschafter des Auktionshauses Van Ham in Köln.

Die heutige Auktionshalle im alltäglichen Zustand und bei der Ausstellung kurz vor der Auktion. In wenigen Wochen folgt der Umzug in den modernen Neubau.
Die heutige Auktionshalle im alltäglichen Zustand und bei der Ausstellung kurz vor der Auktion. In wenigen Wochen folgt der Umzug in den modernen Neubau. Foto: Bernd Mathieu, Van Ham

Rekorde spielen eine Rolle, weil bei Auktionen in Geld zu beziffernde Beträge die letztlich ja entscheidende Aussagekraft besitzen. Deshalb fällt, ganz selten, auch einmal ein Begriff wie „Traumergebnis“. 875.000 Euro erreichte bei der Herbstauktion 2013 die „Alpenlandschaft im Winter“ von Gerhard Richter. Der Schätzpreis lag bei 300.000 Euro. Markus Eisenbeis: „Die Ergebnisse dieser Auktion übertrafen die kühnsten Erwartungen.“

Eisenbeis spricht von einem „rasanten Geschmackswandel“ gerade in den letzten fünf Jahren und nennt die Geschwindigkeit „für uns selber nicht nachvollziehbar“. Sein Auktionshaus komme mit seinem Schwerpunkt früherer Auktionen eher aus dem 19. Jahrhundert.

Noch vor sieben Jahren erzielten die alten Meister einen doppelt so hohen Umsatz wie die neuen, vor fünf Jahren begegneten sie sich auf gleichem Level, jetzt ist die Sache umgekehrt, neu bringt doppelt so viel Umsatz wie alt. Markus Eisenbeis nennt als schlüssigste Erklärung für diesen Wandel die andere Art zu wohnen. „Früher war es völlig normal, ein Haus von den Großeltern und Eltern zu übernehmen und dort einfach weiter zu leben, heute zieht man in eine Penthouse-Wohnung und das ändert auch den Kunstgeschmack hin zur modernen zeitgenössischen Kunst.“ Das hat natürlich mit Marketing, mit Szene, mit Lifestyle zu tun. Und: Kunst ist längst auch Investment, nicht nur Schmuck einer Wohnung. Wie auch immer das Motiv lautet, für Eisenbeis ist immer entscheidend, dass man sich intensiv vor dem Kauf mit der Kunst beschäftigt. „Aufpassen muss man da schon.“

Nicht nur die großen Namen wie Richter und Polke, die „Blue Chips“, hat Eisenbeis im Blick. „Der Markt wird insgesamt weiter steigen.“ Jonathan Meese und Jeff Koons sind Namen, die, so formuliert es der Auktionator, „durch die Decke gegangen sind“. Einem wie Koons attestiert er eine „Marketingmaschinerie“, der beherrsche die Klaviatur des Kunsthandels. Der Konzeptkünstler fasse selber nichts an, sondern lasse seine Werke in Thüringen produzieren. Die Erfolgsformel ist einfach: größere Popularität gleich größere Nachfrage — und nicht unbedingt mehr Qualität. Markus Eisenbeis bringt das auf den Punkt: „Ein Künstler, der nicht gemanagt wird, wird es nie zu etwas bringen.“

Van Ham hat in nur einem Jahr 3000 neue Kunden aus 60 Ländern gewonnen. Seit über zehn Jahren gehören viele Russen zur Klientel. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind viele von ihnen zu viel Geld gekommen. Eisenbeis: „Die haben sich — wie die Deutschen im Nachkriegsdeutschland — erst einmal traditionell eingerichtet, groß und prächtig. Sie kaufen nun Richtung Moderne und zeitgenössisch, vor allem russische Kunst.“

Die Russen! Seit über zehn Jahren, so erzählt Markus Eisenbeis, seien sie eine „ganz wichtige Klientel“. Und wird die nächste Zielgruppe folgen? Die Chinesen seien sicherlich eine „Hoffnung“ für die Auktionsbranche. „Sie interessieren sich sehr für alte europäische Kunst.“ Doch Markus Eisenbeis ist da nicht ganz ohne Skepsis und begründet das mit der kulturellen Anbindung, die er nicht wirklich sieht. „Chinesische Kultur hat doch nichts mit alter europäischer Kunst zu tun, das wird eher schwierig.“

Die Weltrekorde

Auktionen waren, sind und bleiben eine spannende Angelegenheit. Und in diesen Zeiten gilt das natürlich vor allem wegen der Preise, die am Ende erzielt werden. Van Ham schreibt in seinen Broschüren nicht ohne Stolz von „Weltrekorden“. Das spielt nicht zuletzt im Vergleich mit den großen Häusern eine Rolle. „Es ist wichtig für uns, das immer wieder zu kommentieren und zu zeigen, dass wir uns um die einzelnen Werke intensiv kümmern, auch um die unter 500.000 Euro.“ Van Ham sieht nach wie vor die nationalen Märkte und die deutschen Künstler, die vornehmlich von Deutschen gekauft werden und im Ausland noch nicht die entsprechende Wahrnehmung genießen.

Markus Eisenbeis geht ganz offen mit dem Umsatz seines kleinen feinen Auktionshauses um: 25 Millionen Euro, von denen zwischen 40 und 50 Prozent mit Bietern im Ausland erzielt werden. Die ganz Großen wie Sotheby‘s und Christie‘s setzen, so schätzt Eisenbeis, etwa sechs Milliarden Dollar pro Jahr um.

Wir reden weniger über Größe an diesem Vormittag in Köln, sondern über die Feinheiten, die speziellen Fähigkeiten eines relativ überschaubaren Hauses mit seinen kompetenten Mitarbeitern. Da nimmt gerade in der jüngeren Vergangenheit das Stichwort Restitutionen einen bedeutenden Rang ein. Hier geht es um verschwundene Werke, um Beutekunst, da hat der Fall Gurlitt Wellen geschlagen. Markus Eisenbeis weiß, dass in den 30er Jahren während der NS-Zeit auch in Sachen Kunst viel Unrecht geschehen ist. „Da waren fast immer Kunsthändler beteiligt, und in der Regel hat ein Kunstwerk damals mindestens einmal den Besitzer gewechselt.“

Ob die Erbengenerationen das wissen? Eisenbeis vermutet eher wohl nicht. Letztlich bleibt es Spekulation. „Wir kümmern uns um die Herkunft der Bilder, wir müssen das tun, keine Frage, da muss alles genau geklärt werden.“ Belege gibt es nur in seltenen Fällen. Auf der Internetseite „Art Loss Register“ (London) kann jeder seine Ansprüche anmelden. Ob sie tatsächlich berechtigt sind, wird nicht geprüft, aber der Anspruch ist für alle Fälle öffentlich reklamiert, und das sollte jeden Kunsthändler interessieren.

Markus Eisenbeis berichtet, dass mittlerweile viele Archive ausgewertet seien. Er sieht seine Aufgabe darin, bei Ansprüchen, die Erben zu Recht erheben, eine Art Vermittlerrolle zu spielen. „Es kommt darauf an, den Einlieferer eines Kunstwerkes und den berechtigten Anspruchsteller auf einen vernünftigen Weg zu bringen. Das ist eine Pattsituation: Die einen können nicht verkaufen, die anderen können das Werk nicht herausfordern.“

Ohne Zweifel hat sich Van Ham mit erfolgreichen Restitutionen einen Namen gemacht. Eisenbeis: „Der offene und transparente Umgang Van Hams mit dem Thema Beutekunst bewährt sich.“

Die Experten des Auktionshauses entdeckten ein verschollenes Werk aus der Sammlung Max Stern. Bei der Einlieferung des Ölbilds von Andreas Achenbach fiel ein rückseitiges Etikett auf. Van Ham übernahm die Rolle als Vermittler bei den Verhandlungen zwischen dem Einlieferer und dem Holocaust Claims Processing Office in New York, das die Erben Max Sterns vertritt. Dafür gab es hohes Lob. „Nie zuvor haben wir eine solch entschlossene Antwort des deutschen Kunstmarktes erhalten, wenn es um geraubte Kunst ging“, erklärte Clarence Epstein von der Concordia University in Montreal, der Max Stern, ein Düsseldorfer Kunstsammler, der 1940 nach Kanada emigrierte, einen Teil seines Besitzes vermacht hatte.

Ein weiteres Stichwort lautet „Fälschungen“. Für Markus Eisenbeis „unser täglich Brot“. Das reiche von der plumpen Kopie bis zum raffinierten Stück. „Es gibt gewisse Signale, die eine Fälschung ausstrahlt, das gilt nicht nur für die Werke selber, sondern auch für die Umstände der Einlieferung“, sagt Eisenbeis. Er stellt die Fälschungen seit drei Jahren auf eine Datenbank, um sie zu „brandmarken“. 2700 Werke sind da bereits genannt. „Diese Datenbank ist weltweit einmalig.“