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Köln: Bei Hexe Tyrannja donnert es nur lau

Köln : Bei Hexe Tyrannja donnert es nur lau

Der Verbrauch von Gummibärchen ist ein guter Gradmesser für die Qualität von Kindertheater.

Fesselt das Geschehen auf der Bühne, bleiben die bunten Tierchen lautlos in ihrem Plastikgefängnis. Langweilt dagegen die Aufführung, wandern die kleinen Zuschauerfinger Abwechslung suchend zu den Tütchen - und das geräuschvolle Verputzen beginnt.

So geschehen bei der Premiere der musikalischen Zauberposse „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch” in Köln. Ein Knistern und Knastern, ein Schnützen und Schmatzen erfüllt den Zuschauerraum. Zumindest im weiteren Umkreis von Reihe 11, Mitte.

Dazu ein Raunen und Flüstern, ein tönendes Gemenge gnadenloser Kommentare kauender Kritiker. Zum Beispiel das Resümee eines Neunjährigen links von der Süßigkeiten-Lieferantin: „Zu viel Blabla. Aber ein paar Effekte waren schon ganz krass.”

Rasante Reime

Viel Blabla blubbert bereits aus der Vorlage von Michael Ende. Sein mehr als 15 Jahre alter Text lebt von witzigen Wortspielereien und rasanten Reimen. Doch über die Rampe im Schauspielhaus rascheln vor allem lähmend lange und dröge Dialoge, viel zu selten aufgepeppt durch die Live-Band.

Der ewige Kampf Gut gegen Böse wird eben sehr vokabelreich ausgefochten: verkörpert durch den Raben Jakob Krakel und den Kater Maurizio auf der guten Seite sowie den Zauberer Beelzebub Irrwitzer und seine Tante, die Hexe Tyrannja Vamperl, auf der bösen Seite.

Mit einem putzigen Schnabelfehler berlinert sich der proletarische Vogel (Matthias Lodd) in der Gunst des Publikums an die Spitze, ein Didi Hallervorden mit schwarzem „Jefieder”. Der Kater hingegen hat manchem zu wenig Grips in der Birne („Ist der doof!”), Tante „Tyti” aber schrillt im gelb-schwarz gestreiften Polsterkleid richtig schön („Flotte Biene!”), während der irre Wissenschaftler im weißen Kittel mit ein paar Zaubertricks begeistern kann.

O.k., Blitze und Donner, Blinklichter und Rauchschwaden - aber da verdrehen die älteren Kinder, die mit „Harry Potter” oder „Herr der Ringe” auf Bildschirm und Leinwand groß geworden sind, leider nur noch müde die Augen.

Regisseur Uwe Hergenröder nutzt einfach zu wenig die Kraft des Theaters - dass da eben keine Mattscheibe Spieler und Zuschauer scheidet, dass alle zur selben Zeit im selben Raum atmen und fühlen. Doch das Publikum wird kaum einbezogen.

Immerhin speist Ulrich Schulz die Kleinen nicht mit einer kostengünstigen Einheitsbühne ab, sondern zeigt mit drei verschiedenen Szenerien Labor, Straße und Kirchturm („Sieht ja voll echt aus!”). Trotzdem kommt schon weit vor dem Ende der pausenlosen 90 Minuten nicht nur ein erschöpftes Schnaufen von rechts: „Jetzt kann ich aber nicht mehr.”

Das mag auch daran liegen, dass sogar für Eltern, Tanten oder Opas Anspielungen - etwa zu Hartz IV - nicht fehlen dürfen und ein verstaubter Sankt Silvester noch über Raum, Zeit und Ewigkeit philosophieren muss. Das soll ab sechs sein? Als Bestätigung ein Flüstern von hinten: „Hast du das kapiert?”

Insgesamt ist das satanundsoweiter Gesöff in Köln ein labbriges Süppchen. Schon ein skeptischer Blick auf das Zaubergefäß sagt alles: Das soll ein Wunschpunsch sein, in dieser popeligen Bowle-Schüssel? „Sieht ja bloß aus wie Waldmeister-Brause.” Freiheit für die Gummibärchen!

Aufführungen im Kölner Schauspielhaus: 22., 23., 24., 27., 28., 29. und 30. November, vormittags oder nachmittags.