Aachen: Béatrice Lachaussée inszeniert Smetanas „Die verkaufte Braut“

Aachen: Béatrice Lachaussée inszeniert Smetanas „Die verkaufte Braut“

Ja klar, in die RTL-Kuppelshow „Bauer sucht Frau“ hat Béatrice Lachaussée schon mal reingeschnuppert, auch der „Partner-Supermarkt“ diverser Online-Datingportale ist ihr nicht unbekannt. Das schon, aber in ihrer Aachener Inszenierung der Oper „Die verkaufte Braut“ spielen solch aktuelle Medien-Auswüchse keine Rolle.

In Bedich Smetanas populärem Repertoirestück, das vor 150 Jahren in Prag uraufgeführt wurde, verschachert einer zum Schein seine Braut, und ein Heiratsvermittler hat seine Finger im miesen Spiel — da landet manch Regisseur heute schnell im Fernsehen oder Internet. Doch die junge Französin ist da lieber etwas altmodisch. „Die Geschichte ins Heute zu verlagern, wäre nicht besonders glaubwürdig“, findet sie nicht zu Unrecht.

Also weder Kamera noch Laptop, stattdessen entfaltet Heiratsvermittler Kecal einen Leporello, um seine Bräute zur Schau zu stellen. Die Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande spielen bei der gebürtigen Pariserin nicht in Böhmen, sondern in einem beliebigen Dorf, „ungefähr in den 50er, 60er Jahren“.

Ihr geht es um die „universelle Geschichte“, um ein junges Paar, das seine Liebe gegen die Konventionen des Dorfes verwirklicht, um Liebe und Geld, Vertrauen und Verrat. Auf der Bretterbühne aus hellem Holz wird sich die geschlossene Gesellschaft nur allmählich öffnen. Zwar sei die Oper auch eine Emanzipationsgeschichte der Braut Marie, aber „feministisch ist mein Konzept nicht“, stellt die Theaterfrau klar. Sie glaubt sogar an ein Happy End.

Einige Abonnenten werden es glückselig vernehmen, für andere hört sich das Konzept eher unspektakulär an. Aber vielleicht ist das ja gerade ein Geheimnis des Erfolgs von Béatrice Lachaussée. Mit 27 Jahren kann sie bereits Inszenierungen in Wien, Luzern und Köln vorweisen. 2014 erhielt sie den Götz-Friedrich-Studio-Preis für ihre Psycho-Studie „Jakob Lenz“ in der Trinitatiskirche, und für die Eröffnung der nächsten Kölner Opernsaison wurde ihr ein Ravel-Doppelabend im Staatenhaus anvertraut. Zuvor führt sie ihre fünfte Opernregie aber erstmals nach Aachen.

Im Blümchenkleid schleicht sie während der ersten Probe mit dem Orchester im Großen Haus vorsichtig auf Zehenspitzen über die Bühne, um den Ersten Kapellmeister Justus Thorau nicht zu stören. Das könnte ein Bild sein, das ihre Herangehensweise an Werke ganz gut zeigt: nicht brachial, sondern feinsinnig. Kritiker loben ihre Sensibilität, ihre ausgefeilte Personenregie. Die Regisseurin sagt selbst: „Ich mache kein Regietheater.“ Und damit meint sie wohl, dass sie mit ihren Ideen nicht das Stück zertrümmern will. Im Gegenteil: „Ich versuche, den Absichten der Musik zu folgen.“

Damit kennt sie sich aus. Als Achtjährige begann sie, Klavier zu lernen, dann Gitarre und Gesang. Während ihres Regie-Studiums an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien hospitierte sie unter anderem bei Andrea Breth. Nicht verwunderlich, dass sie die Regie-Altmeisterin und ihr Gespür für „seelische Landschaften“ schätzt.

Aachens Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck ist die Französin in Köln als eine „sehr spannende junge Regisseurin“ aufgefallen. Dort hat er ihre Inszenierung von Janáeks „Tagebuch eines Verschollenen“ und Holsts „Sâvitri“ im Kolomba-Museum gesehen und war „sehr begeistert“ — worauf er ihr „Die verkaufte Braut“ vorschlug. Diese Oper kannte sie noch gar nicht, aber „die Musik, die Schwermütigkeit und Leichtigkeit verbindet“ hat ihr sofort gefallen.

„Oper muss nicht verstaubt sein“

An ihrer Seite hat sie mit Bühnenbildnerin Dominique Wiesbauer und Kostümbildnerin Nele Ellegiers zwei weitere junge Frauen. Nach ihrem Opernregie-Debüt mit „Biedermann und die Brandstifter“ an der Neuen Oper Wien jubelte „Der Standard“ bereits: „Frauen an die Bühnenmacht!“ Aber auch in der Realität der immer noch patriarchalen Anstalt Theater offenbart die Wahl-Wienerin eher gelassene Zurückhaltung als frauenkämpferischen Sturm und Drang. „Ich bin einfach sehr dankbar, dass ich schon so früh die Chance habe, diesen Beruf auszuüben“ — nicht als Frau, sondern als Mensch.

„Beinah alle Menschen sind eigentlich Komödianten“, steht auf dem Banner am Theater — ein Zitat aus der „Verkauften Braut“. Wer spielt in dieser komischen Oper eigentlich nicht? Da mischt sogar eine Zirkustruppe das Dorf auf. Das könnte Béatrice Lachaussée an ihre Kindheit erinnern.

Sie wuchs nämlich in Paris nicht nur „mit einer riesigen Bibliothek vor der Nase auf“, ihre Eltern — der Vater Franzose, die Mutter Deutsche, und beide Philosophie-Lehrer — nahmen sie auch mit ins Zirkuszelt: Bei Festspielen im saarländischen Merzig erlebte die Sechsjährige ihre ersten Mozart-Opern, etwa einen „Figaro“ im Schwimmbad. „Da habe ich erkannt, dass Oper nicht verstaubt sein muss“, sagt die Regisseurin. Für ihre Zirkustruppe verheißt sie nun Transvestit, Clown, Bär — „und ein paar Überraschungen“. Vielleicht wirde_SSRqs ja doch ganz spektakulär.

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