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Dresden: Baumeister Semper: Ein Glückskind seiner Zeit

Dresden : Baumeister Semper: Ein Glückskind seiner Zeit

Für die von ihm entworfene Oper ist er berühmt. Aber im Mai 1849 war der Architekt Gottfried Semper mit einem anderen Bauwerk beschäftigt.

Für die Mai-Revolution in Dresden schuf er eine Barrikade. Als der Aufstand niedergeschlagen wurde, musste Semper flüchten. Nur seine steinernen Spuren blieben an der Elbe zurück.

Zum 200. Geburtstag am heutigen Samstag soll er an seiner Wirkungsstätte Dresden mit einem großen Semperfest und einem viertägigen Kolloquium geehrt werden.

Die Episode vom Barrikaden-Bau in Dresden macht einen Wesenszug von Gottfried Semper (1803-1879) deutlich: Der Sohn eines wohlhabenden Wollfabrikanten aus Altona war auf seine Art ein Revoluzzer. Architekt, Theoretiker, Intellektueller, Demokrat, Kosmopolit - Klaus Tempel, Chef des Dresdner Semper-Clubs, findet viele Worte für den Baumeister.

Henrik Karge, Professor für Kunstgeschichte an der Dresdner Uni, hält den Jubilar in der Kombination aus Theoretiker und Architekt im 19. Jahrhunderts für einmalig. „Sein Konzept der Neorenaissance wurde als Befreiungsschlag aus dem Korsett des Klassizismus empfunden.”

Der an die alten Griechen angelehnte Stil von Baumeistern wie Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) wirkte mit seiner Formenstrenge oft unterkühlt. Semper begab sich dagegen auf die Spur der Italiener, bekannte sich lebensfroh zu Farbe, Fresken und Statuen.

„Semper verstand ein Gebäude als Gesamtkunstwerk. Die Verkleidung eines Baus war für genauso wichtig wie die Konstruktion”, sagt Karge. Dabei habe Semper vorhandene Substanz respektiert. „Er negierte die barocke Form nicht, sondern entwickelte sie weiter”, erklärt der Professor am Beispiel Dresdens.

Hier schließt die von Semper entworfene Gemäldegalerie eine Seite des Zwingers. Ein bogenartiger Durchgang in der Galerie lockert den kompakten Bau auf. Er trägt heute den Namen des Architekten, genau wie die Oper vis-á-vis.

Im Grunde war Gottfried Semper ein Glückskind seiner Zeit. Als er 1834 zum „Professor der Architektur an der Königlichen Akademie der bildenden Künste zu Dresden” berufen wurde, eilte ihm weder ein großer Ruf noch der Nachweis eines bedeutenden Bauwerks voraus.

Flucht über Karlsruhe nach Paris

Sein Pariser Lehrer Franz Christian Gau sowie Schinkel hatten für den Posten abgesagt, empfahlen jedoch Semper nach Dresden. Der traf mitten in einer Aufbruchstimmung ein. Reformen für Justiz, Militär und Schulen waren Anfang der 30er Jahre schon auf den Weg gebracht.

Der als streitlustig geltende Baumeister passte gut in jene Zeit, zumindest bis zum Steckbrief im Mai 1849. Zuerst flüchtete der Barrikaden-Erbauer nach Pirna, dann über Karlsruhe nach Paris. Warum er dort nicht Fuß fassen konnte, ist bis heute nicht erforscht.

Die nächste Station hieß London, wo er mehrere theoretische Schriften verfasste. 1855 wurde er zum Professor für Baukunst am Züricher Eidgenössischen Polytechnikum berufen und baute dort unter anderem das Hauptgebäude der Lehranstalt. Auch sein theoretisches Hauptwerk „Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten” entstand in Zürich. Aufträge von außerhalb folgten.

Für Bayern-König Ludwig II. plante er ein Richard-Wagner-Festspielhaus in München, in Wien wurde er mit dem Ausbau der Hofburg beauftragt. Auch Dresden meldete sich noch einmal: Nachdem Sempers Hoftheater von 1841 abgebrannt war, verlangten die Bürger erneut nach dem Meister, dessen Steckbrief noch gültig war.

Semper entwarf, sein Sohn Manfred baute das neue Opernhaus. Das berühmteste Werk Gottfried Sempers wurde 1878 vollendet, im Jahr darauf starb er in Rom.