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Ausstellungen in Eupen: „Bauch-Künstler“ der fragilen Menschenwesen im Ikob

Ausstellungen in Eupen : „Bauch-Künstler“ der fragilen Menschenwesen im Ikob

Das Eupener Museum Ikob zeigt Skulpturen von Johan Tahon, einem der wichtigsten Künstler Belgiens. Ergänzt werden seine fragilen Menschenwesen durch eine kleine Gruppenausstellung von drei rumänischen Künstlerinnen und Künstlern.

Ein großer Gipskopf hängt an einem dünnen Stahlseil in den Raum. Unter dem Hals wird er gestützt durch einen schwarzen Sockel und durch ein paar Decken, die man sonst für den Transport benutzt. Diese Decken scheinen irgendwie tröstlich, eine weiche Auflage für das Haupt ohne Rumpf, das der Bildhauer Johan Tahon Ende der 90er geschaffen hat. Die wunderbare, sehr kontemplative Ausstellung „Umarmung“ von dem angesagten Belgier – mit Skulpturen aus Bronze, Keramik und eben aus Gips – ist derzeit auf der ersten Etage im Eupener Ikob zu sehen.

Daneben gibt es im Erdgeschoss und Entree eine zweite Schau, die einen Kontrapunkt setzt: Die rumänischen Künstler und Künstlerinnen Matei Bejenaru, Irina Botea Bucan und Dani Ghercă setzen sich in ihren Installationen, Fotografien und Videos gesellschaftspolitisch mit ihrem Land auseinander.

Johan Tahon ist in Belgien eine Hausnummer. Er ist so bekannt, dass man ihn fragt, wenn die Freie Uni Brüssel eine Skulptur für ihren Campus braucht oder wenn das Finanzministerium in Brüssel noch ein bisschen Platz für Kunst hat. Dann kommt der 57-Jährige und baut mit seinen großen Händen riesige Skulpturen, menschenartige Wesen bis zu 20 Meter hoch. „Er ist ein Hüne und ein Künstler der traditionellen Sorte. Am glücklichsten ist er, wenn er allein in seinem Atelier arbeitet“, erklärt Frank-Thorsten Moll, Direktor des Ikob und Kurator der Ausstellung. Die Geschichte von Johan Tahon, der im flämischen Menen aufgewachsen ist und in Oudenaarde arbeitet, ist schon per se faszinierend, denn sie erzählt sich wie ein Künstlertraum.

Man arbeitet so vor sich hin, fast menschenscheu, und dann kommt ein großer Kunstmäzen, ein Museumsdirektor, ein Kurator der documenta im Atelier vorbei und entdeckt einen. Sofort die erste Ausstellung wird eine Einzelausstellung in einem renommierten Museum. Dieses schöne Kunstmärchen ist real so passiert. Der Kunstmäzen hieß Jan Hoet, und er brachte Johan Tahon vor mehr als 25 Jahren groß raus, als er ihn im SMAK, (Stedelijk Museum voor Actuele Kunst) in Gent zeigte. „Natürlich war das auch eine sehr patriarchalische Geschichte, die einer Künstlerin so nicht passiert wäre“, sagt Moll, der im Ikob vor einigen Jahren den feministischen Kunstpreis installiert hat und für Genderthemen sensibel ist.

Wenn man nun die Ausstellung „Umarmung“ sieht, ist es wichtig, diesen märchenhaften Hintergrund zu kennen, denn es könnte ein Erklärungsansatz dafür sein, warum die Arbeiten des Flamen Tahon so einnehmen im positiven Sinn, und warum sie auch so konsequent die immergleiche Geschichte erzählen. Denn Tahon war zuerst bis etwa zum 30. Lebensjahr mit seiner Kunst allein im Atelier und wurde dann mit einem Schlag bekannt. Er suchte keine neuen Wege, sondern beschritt den eingeschlagenen, der vor allem nach innen zu führen scheint. („Ich habe nicht mehr als mich selbst“, sagt er laut Moll über sich.) Die rund 20 Skulpturen bilden eine lange Schaffensperiode ab, stammen teilweise von Anfang der 90er Jahre bis heute. Man sieht ihnen teilweise die Patina an, weil hier und da vom Gips etwas bröckelt, aber keine ist moderner als die andere.

 Alles fließt: Eine glasierte Keramik (“Waterfall“ aus dem Jahr 2019) von Johan Tahon.
Alles fließt: Eine glasierte Keramik (“Waterfall“ aus dem Jahr 2019) von Johan Tahon. Foto: Gert Jan van Rooij

Tahons Thema sind die seltsamen Menschenwesen, womit wir wohl alle gemeint sind. Er zeigt sie in ihrer Einzigartigkeit, aber erzählt auch von ihren Wunden und ihrer Verletzlichkeit.

Sie stehen da wie die Umkehrung, die Perversion der antiken Skulptur: Ging es dort darum, die Proportionalität, die Kraft und die Schönheit des Menschen zu dokumentieren, präsentiert uns Tahon liebliche „Missgestalten“, die mal zu klein, mal mit übergroßem Gesicht, nie wohlproportioniert sind; scheue Wesen aus Gips, Keramik oder Bronze, die den Betrachter und die Betrachterin nie ansehen, sich meist sogar mit geschlossenen Augen von der Welt distanzieren. Diesen Figuren des Unperfekten gibt der Künstler eine Liebe mit, die man sehen und spüren kann – spüren auch deshalb, weil die Schau im Ikob den einzelnen Werken viel Freiraum lässt.

Da ist dieses Paar aus Gips zum Beispiel, eine fragile, schmächtige Figur und eine andere, deren Kopf überdimensioniert ist. Sie hängen aneinander wie siamesische Zwillinge. Unmöglich zu sagen, wer hier wen stützt, aber sie scheinen trotz (oder wegen?) ihrer Eigenartigkeit in liebevoller Verbundenheit zu stehen.

Das Ikob hat in seiner Sammlung einige Skulpturen von Johan Tahon, weil der damalige Gründer des Ikob, Francis Feidler, eng mit Jan Hoet befreundet war. Wie eine „Umarmung“ begegnen sich im Ikob jetzt die neuen Werke mit den alten. Und zugleich geht Johan Tahon erstaunlich gelassen mit der Vergänglichkeit seines Materials um. Gips darf mal neue Risse zeigen, die Figuren verändern. Er selbst bearbeitet auch gerne Altes noch mal neu. Manchmal auch sehr pragmatisch: Der anfangs beschriebene hängende Kopf wird in Eupen auf eine neue Art gezeigt. Eigentlich hängt der Kopf am Stahlseil frei im Raum, was einen sofort an einen Suizid denken lässt. Auf dem Sockel steht er in Eupen nur, weil es die Sorge gab, dass das Seil den Kopf nach 20 Jahren nicht mehr halten könne. „Tahon war dann von der Anordnung mit Sockel und den Decken, die den Kopf halten, begeistert“, sagt Moll. Auch dieser freie Umgang mit der eigenen Kunst sei typisch für Tahon, diesen „Bauch-Künstler“.