BAP "live & deutlich" in Düren

Konzert : Hände in die Höhe, Hüften in Bewegung: BAP in Düren

Wolfgang Niedecken sorgt mit seiner Band für eine volle Arena. Auf ihrer „Live & deutlich“-Tournee zeigen sich die Musiker in Bestform.

„Am 30. Mai ist der Weltuntergang“, das weiß der Kenner kölschen Liedgutes seit 1954. Da war Wolfgang Niedecken gerade mal drei Jahre alt. 64 Jahre später hat der Sänger das mit BAP schlagkräftig widerlegt, denn just an diesem Datum startete die Kultband ihre „Live & deutlich“-Tournee, die sie seitdem durch samt und sonders ausverkaufte Hallen und nun auch in die komplett besetzte Arena Kreis Düren führte.

Beim Warten auf die Musiker mag mancher gezweifelt haben, ob er beim richtigen Konzert war, denn das imposante Bühnenbild zeigte ein herrschaftliches Haus in New Orleans. Des Rätsels Lösung präsentierte Niedecken gleich nach den ersten beiden Nummern. Sein jüngstes Album ist eben dort entstanden. Die Lieder auf „Reinrassije Strooßekööter“ erzählen aber nicht von den Südstaaten, sondern von Familienerinnerungen des Songwriters aus der Kölner Südstadt. Klar, dass das Solostück gleichen Titels zu den ersten an diesem Abend gehörte.

Was folgte, war ein ausgewogener Mix aus neuen und jüngeren Stücken sowie den alten Nummern, bei denen der Saal stimmgewaltig und textsicher dabei war. Wie sehr auch BAP die Möglichkeiten multimedialer Unterstützung nutzt, wurde immer wieder am visuellen Background deutlich. Da schlugen die Wellen an die Küste des Golfs von Mexiko, da tobte der Verkehr auf New Yorks Broadway, da tauchten Grenzanlagen zur DDR auf – und siehe da: Nach einer Stunde kamen auch kölsche Motive zum Vorschein. Und natürlich immer wieder alte Fotos aus der Rama-Kiste, in der Niedecken Fotos aus Generationen seiner Vorfahren fand, die er gesichtet hat und nun liebevoll bewahrt.

Zwischen den Stücken bewies Niedecken auch seine Qualitäten als Moderator. Packend erzählend, exakt erklärend, liebevoll erinnernd, aber auch ernsthaft ermahnend zu Menschlichkeit, baute er die Brücken zwischen immer wieder wechselnden Szenarien. 

Personell ist die Band längst nicht mehr der Haufen musikbegeisterter Burschen, die sich einst  „wenn wir Lust hatten, in den Keller verzogen, einen Kasten Bier leer probten und am Wochenende in einer Kneipe spielten“. Der Frontmann ist der letzte „Überlebende“, mit ihm standen in Düren Ulrich Rode (Gitarre), Anne de Wolff (Geige, Cello, Akkordeon und jede Menge andere Instrumente), Michael Nass (Tasteninstrumente), Marius Goldhammer (Bass) und Sönke Reich (Schlagzeug) auf der Bühne. „Und dann kamen plötzlich drei Bläser dazu“, stellt Niedecken flapsig seine neuen Mitspieler Axel Müller, Christoph Moschberger und F. Johannes Goltz vor. Sie ermöglichten es ihm, das eine oder andere ältere Stück wie „Diss Naach ess alles drin“ wieder zu spielen, was ohne das „Gebläse“ (Originalton Niedecken) nicht möglich war.

Insgesamt klingt der eine oder andere Song heute nicht mehr ganz wie zu alten BAP-Tagen, wobei aber keine der Kompositionen ihren individuellen Charakter verloren hat. Beispiele dafür waren in Düren etwa „Waschsaloon“, „Frau, ich freu mich“, „Do kanns zaubere“, „Kristallnaach“, „Jupp“ oder „Anna“. Nach zweieinhalb Stunden dann die ersten Verneigungen, denen aber natürlich noch zwei Zugabenteile folgten.

Spätestens da waren alle Stühle leer, alle Hände in der Luft und alle Hüften in Bewegung. Bei der Erinnerung an die wirklich allerersten Kneipenmusikertage von BAP in „Ruut-wieß-blau querjestriefte Frau“ liefen alle Musiker noch einmal zur Bestform auf, die Bläsergruppe „störte“ zwischendurch, als sie nach Art einer Marching-Band ziemlich schräge Töne produzierend über die Bühne zog, und das Publikum war hin und weg. Womit ließ sich das nach knapp drei Stunden noch steigern? Na klar, mit „Verdamp lang her“ als vorletztem Stück. Und dann – auch das typisch Niedecken – als ruhigen, fast nachdenklichen Schlusspunkt „Jraaduss“.

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