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Berlin: „Baader Meinhof Komplex”: Deutsche Geschichte im Actionfilm-Format

Berlin : „Baader Meinhof Komplex”: Deutsche Geschichte im Actionfilm-Format

Der Besuch des Schahs von Persien in Berlin 1967 sollte eigentlich ein glanzvolles gesellschaftliches Ereignis werden. Doch bei den Studentenprotesten gegen das Terrorregime des Herrschers auf dem Pfauenthron wurden die Weichen gestellt für ein dunkles Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte: die Rote Armee Fraktion (RAF).

Bei der gewaltsamen Auflösung einer Protestaktion vor der Deutschen Oper in West-Berlin wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Das führte zu einer gefährlichen Radikalisierung linker Gruppen in der jungen Bundesrepublik. Andreas Baader und Ulrike Meinhof gründeten die RAF und erklärten dem Staat den gewaffneten Krieg.

Nach Stefan Austs Buch „Der Baader Meinhof Komplex” entstand der gleichnamige Film, in dem vor allem die Frauen um Baader (Moritz Bleibtreu) - Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek), Meinhof (Martina Gedeck) und Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl) - durch ihre kalte Brutalität in Wort und Tat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Mit großem Mediengetöse erlebte der Film Mitte September seine Premiere. Die PR-Maschinerie von Produzent Bernd Eichinger lief wie geschmiert und sorgte für allergrößte Aufmerksamkeit.

Andreas Baader, ein Choleriker mit fast weichen, femininen Zügen, mit dem Hang zum Bohemien (er trug Pelzmantel in der Haftanstalt), zu schnellen Autos und zur Berühmtheit - koste es, was es wolle: Er trifft auf die Pfarrerstochter Ensslin und die in großbürgerlichen Verhältnissen lebende Meinhof, beide verzweifelt über die damaligen politischen Verhältnisse, über den Vietnam-Krieg, die Lage im Nahen Osten und in der Dritten Welt.

Als der Studentenführer Rudi Dutschke (Sebastian Blomberg) auf offener Straße angeschossen wird und schwer verletzt überlebt, eskaliert die Gewalt bei den Studentenprotesten immer mehr. Baader und Ensslin setzen aus Protest gegen den Vietnam-Krieg ein Kaufhaus in Brand. In der Folge verschwinden sie im Untergrund, mit ihnen auch Meinhof.

Der Film zeigt Brutalität und Unversöhnlichkeit bei Demonstranten, aber auch bei der Polizei, schonungslos und hautnah. In dieser ersten Phase der RAF, so ergab eine Allensbach-Umfrage damals, hatte jeder Vierte unter 30 Jahren Sympathie für Baader und Meinhof - das waren sieben Millionen Menschen. Das änderte sich mit der Inhaftierung der führenden RAF-Köpfe, denn nun begann draußen der wahre Krieg gegen den Staat: Es wurden Banken überfallen, Anschläge verübt, die Zahl der Toten und Verletzten stieg schnell, ebenso die aus heutiger Sicht hysterische Reaktion mancher Medien.

Einer der wenigen Mahner vor Überreaktionen des Staates damals war der Präsident des Bundeskriminalamtes, Horst Herold (Bruno Ganz): „Die Politik, nicht die Polizei hat die Verhältnisse zu ändern, unter denen Terrorismus entsteht”, sagt er.

Der Film und seine Schauspieler machen es dem Zuschauer leicht, große Distanz zu den Personen zu halten und darum ganz genau hinzuschauen, wie die Spirale der Gewalt in Gang kam und dass es kaum Möglichkeiten gab, sie zu stoppen. Die Bundesrepublik war gelähmt. So etwas hatte man in der Nachkriegs-Zivilgesellschaft nicht für möglich gehalten: Junge, fanatisierte Menschen morden auf offener Straße auf brutalste Weise, um ihre Idole aus der Haft freizupressen.

Regisseur Edel zeigt die Taten aus der Perspektive der Opfer. Wenn bei der Entführung von Hanns Martin Schleyer am Tatort 25 Einschüsse gefunden wurden, so wird im Film 25 Mal geschossen. Bei Siegfried Buback waren es 15 Schüsse, die auch alle gezeigt werden. Für den Betrachter gibt es keine Schonung.

Gedreht hat Edel den aufwühlenden, wichtigen Film an vielen Originalschausplätzen: vor der Deutschen Oper in Berlin, in der TU Berlin, wo der Vietnamkongress mit Dutschke stattgefunden hat und er seine berühmte Rede hielt, in der Haftanstalt Stammheim, wo der Prozess stattfand. Dort musste für die Dreharbeiten sogar ein gerade laufender Terrorismusprozess unterbrochen werden: Diesmal waren die Angeklagten Mitglieder der Al Qaida.