Aachen: Autor Ralf Rothmann: Der Mann, der in den Büchern wohnt

Aachen: Autor Ralf Rothmann: Der Mann, der in den Büchern wohnt

Freunde großer Literatur dürfen sich auf ein Glanzlicht freuen: Am kommenden Montag liest der Schriftsteller Ralf Rothmann im Rahmen der Reihe „Literatur zur Nacht“ im Aachener Dom. Der 63-Jährige zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. 2010 wurde der in Berlin lebende Rothmann mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen ausgezeichnet.

Herr Rothmann, haben Sie schon einmal in einer Kirche gelesen, geschweige denn in einem Dom?

Ralf Rothmann: In einer Kirche bereits mehrfach, in einem Dom noch nicht.

Ist der Ort einer Lesung für Sie von Bedeutung? Was muss stimmen, damit Sie sich wohl fühlen?

Rothmann: Salopp gesagt: die Akustik. Und nicht zu kalt sollte es sein. Einmal, ich glaube in einer Kirche in Hildesheim, saß ich über der Lüftung, die aus dem Keller kam, und war am Ende besser durchgekühlt als der Weißwein, den es hinterher gab.

Hören Sie sich selbst zuweilen Lesungen von Kollegen an?

Rothmann: Selten. Früher bin ich oft auf Lesungen anderer Autoren gegangen in der Hoffnung auf einen Flirt oder eine Romanze, was freilich nur ein einziges Mal geklappt hat: Sie ist immer noch, seit nunmehr dreißig Jahren, meine Frau.

Gewähren Sie uns einen Einblick in Ihr eigenes Leseverhalten? Lenkt Sie das Lesen anderer Bücher möglicherweise vom eigenen Schreibprozess ab? Ist es womöglich eine Inspiration für Sie?

Rothmann: Ich lese viel Zeitgenössisches, wenn ich nicht schreibe. Sobald ich aber in einem Schreibprozess stecke, lese ich wenig, und wenn, dann nur Klassiker, Shakespeare vor allem.

Haben Sie literarischen Vorbilder?

Rothmann: Es gibt Autoren, auf die man im Lauf des Lebens immer wieder zurückkommt; von denen lernt man, an denen richtet man sich auf. Bei mir sind es neben dem erwähnten Shakespeare der Italiener Cesare Pavese, der Argentinier Julio Cortázar, Anton Tschechow, Heinrich Böll, Heinrich Mann und Rainer Maria Rilke.

In Ihrer Biographie wird gerne darauf verwiesen, dass Sie ein Autor sind, der ohne akademisches Studium zum Schreiben kam. Hat das für Sie jemals eine Rolle gespielt?

Rothmann: Zunächst dachte ich, es sei ein Handicap, nicht studiert zu haben, sicher. Die meisten Autoren sind nun einmal Akademiker. Aber dann wurde doch schnell fühlbar, was für eine gute Universität all meine verschiedenen Berufe und die vielen Reisen waren, denn die Essenz der Literatur ist letztlich nicht Bildung, sondern Erfahrung. Und um die gestalten zu können, braucht es keinen Doktortitel; Empathie und ein offenes Herz sind da wichtiger.

Sie gelten als Autor, der sehr zurückgezogen lebt. Wie informieren Sie sich über das aktuelle Zeitgeschehen? Lesen Sie Zeitung? Nutzen Sie das Internet?

Rothmann: Ich habe keinen Fernseher, aber ich lese Zeitungen und höre Radio, das reicht meistens. Und seit ich ein Smartphone habe, nutze ich auch das Internet, wenn es denn einmal etwas zu recherchieren gibt. Aber das tue ich eigentlich selten. Das meiste kann man sich ja denken.

Können Sie sich vorstellen, ein Buch, zumal einen Roman, auf einem Tablet oder Reader zu lesen?

Rothmann: Ich habe keine Erfahrungen mit Lesegeräten. Auch wenn viele Bücher mit ihren Klebungen und Lasuren mittlerweile wie Reservekanister riechen — ich brauche Papier, auf dem ich Anstreichungen machen kann, das ich knicken und mit Kaffee oder Rotwein bekleckern kann. Ich wohne in den Büchern.

Schreiben Sie noch von Hand?

Rothmann: Die Sammlung meiner Bleistiftstummel füllt Schuhkartons. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand, ich liebe das Anspitzen und Radieren und Papierzerreißen. Doch tippe ich alles immer schnell in den Computer, denn je nach Furor kann ich manchmal schon am nächsten Tag meine Schrift nicht mehr lesen.

Sie gelten auch als jemand, der eher abseits des Literaturbetriebes steht. Gerade wurde der Deutsche Buchpreis an Bodo Kirchhoff verliehen. Sie haben im Vorjahr für Aufsehen gesorgt, weil Sie eine Nominierung Ihres grandiosen Romans „Im Frühling sterben“ abgelehnt haben. Ein renommierter Autor wie Sie kann sich das durchaus erlauben. Würden Sie einem jungen Kollegen das auch empfehlen?

Rothmann: Einem jungen Autor würde ich nur eins empfehlen: Lebe deiner inneren Notwendigkeit gemäß, höre auf dein Herz, auf deine innere Stimme — oder wenigstens auf deine Frau.

Haben Sie ein grundsätzliches Problem mit Literaturpreisen oder eher mit der Art und Weise des Wettbewerbs?

Rothmann: Man hat kein grundsätzliches Problem mit einer Wohltat, oder? Wenn man mir einen Preis geben will, soll man das tun, aber ich werde mich nicht dafür bewerben oder anstellen; das fände ich obszön. Der Deutsche Buchpreis, von dem Sie sprechen, aber auch der Preis der Leipziger Messe, das sind Verkaufsmaschinen. Da steckt man hinten einen Schriftsteller rein und vorne kommt ein Marketing-Pudel heraus. Aber ich habe da womöglich einen etwas altmodischen Begriff von Würde.

Verraten Sie uns, an was für einem Stoff Sie gerade arbeiten?

Rothmann: Nein, da bin ich abergläubisch: Nie über ein unfertiges Buch reden, sonst geht der Zauber verloren. Aber es wird wohl, sofern es denn gelingt, ein Roman.

Wie finden Sie Ihre Themen?

Rothmann: Indem ich sie nicht suche. Die Themen klopfen an, wenn es denn welche von Belang sind. Man muss sich nur so rein und bereit wie möglich halten, und dabei braucht man nicht einmal immer zu arbeiten. Man darf aber auch nichts Anderes tun.

Was glauben Sie: Wenn die gedruckte Form mehr und mehr zum Auslaufmodell wird, hat dies am Ende auch einen Einfluss auf die Qualität von Literatur?

Rothmann: Ich glaube nicht, dass die gedruckte Form zum Auslaufmodell wird, jedenfalls nicht in der Literatur. Aber der Einfluss der sogenannten Neuen Medien auf die Sprache und ihre Wahrnehmung ist natürlich evident. Keiner liest mehr genau, alle huschen nur noch über den Text hin, was dazu führt, dass auch die Gewissenhaftigkeit von Autoren leidet.

Ich habe neulich den Roman eines Büchner-Preisträgers gelesen: Die Brandung ist immer „tosend“, der Möwenschwarm ist immer „dicht“, die Gassen der Altstadt sind immer „verwinkelt“, und das alte Gesicht ist immer „zerfurcht“. Man möchte schreien. Aber das eigentlich Trostlose ist, dass so etwas nicht einmal mehr den professionellen Lesern auffällt.

Was kann Literatur in unserer schnelllebigen Zeit überhaupt noch bewirken?

Rothmann: Sie inspiriert zum Innehalten. Sie kommt aus der Stille und verweist in die Stille, in den Raum jenseits der Sprache; das ist ihre metaphysische Dimension. Aber sie kann auch einfach nur Glück und Freude bereiten, und das ist ja schon etwas. Das hilft einem mitunter über den Tag.