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Aachen: Ausstellung „Dystotal“: Wenn Zombies auf die Uffizien treffen

Aachen : Ausstellung „Dystotal“: Wenn Zombies auf die Uffizien treffen

Grell sticht das Neon-Gelb-Orange ins Auge — nichts als blendende, ziemlich dicke Streifen weist das Gemälde auf. Viel Mühe hat sich der Frankfurter Künstler Markus Ebner, Jahrgang 1962, gegeben, um auch dieses Mal wieder bis aufs kleinste Detail so exakt wie möglich ein Bild seines ehemaligen Professors an der Münchener Akademie der Bildenden Künste, Günter Frühtrunk (1923-1982), nachzumalen.

„Kopien sind das höchste Ideal“, formuliert Ebner sein Credo, signiert das Werk und macht es damit zum Original. Oder doch nicht?

In diesem Fall fällt die Nachahmung fatal, um nicht zu sagen, final aus: Es war das allerletzte Bild, das Frühtrunk fertigstellte — ehe er sich davor erhängte! „Sinnenfundament“ nennt Ebner sein Kopien-Original mit der bedrückenden Hintergrundgeschichte. Es ist der dramaturgische Höhepunkt und tatsächlich das — räumlich gesehen — letzte Bild in der neuen Ausstellung im Aachener Ludwig Forum: „Dystotal“.

Das griechisch-lateinische Kunstwort aus den Elementen „von der Norm abweichend“ (dys) und „ohne Ausnahme“ (total) umschreibt in seiner Widersprüchlichkeit das Konzept der Schau: 17 Künstler greifen je auf ihre Weise ins pralle Vokabular der neueren Kunstgeschichte, wobei sich mitunter das Ungleichartige der 35 Werkbeiträge beziehungsreich zur Einheit fügt. Das in etwa ist die Idee des Kuratoren-Trios der Düsseldorfer Künstlergruppe Konsortium: Lars Breuer, Sebastian Freytag und Guido Münch. Viele Arbeiten sind dazu extra am Ort selbst konzipiert und gestaltet worden.

Das Trio und ihre 17 langjährig persönlich bekannten Gefährten begreifen die Kunstgeschichte als einen Fundus an visuellem Vokabular, das immer wieder neu Verwendung findet — Ergebnis ist ein beziehungsreiches Geflecht zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Zukunftsvisionen und gescheiterten Utopien. Markus Ebner, der nichts anderes (nach-)malt als die Bilder seines Lehrers, nimmt dabei die Extremposition einer solchen Aneignung künstlerischer Ausdrucksformen ein.

Gegenüber von seinem „Sinnenfundament“ hängen drei Leinwände von Neil Clements, der zitierte geometrische Farbfelder des amerikanischen Künstlers Kenneth Noland (1924-2010) mit comicartigen Stinktier-Zeichnungen kombiniert. Das Stinktierlogo zierte einst amerikanische Bomber — Noland war vor seinem Kunststudium Bomberpilot. Über diese schicksalsträchtigen Beziehungen gibt eine Broschüre zur Ausstellung Auskunft. Ansonsten hätten die Neon-Streifen den Betrachter ebenso kalt gelassen wie das putzige Stinktierchen.

Das Konzept der Kuratoren geht dort eher auf, wo das Beziehungsgeflecht zwischen Kunst und Architektur, zeitgenössischem Material und Kunstgeschichte buchstäblich absehbar ist: Der Bottroper Tim Cierpiszewski zum Beispiel greift für seine Lichtinstallation aus hundert Neonröhren die Maßverhältnisse der schrägen und gerasterten Formen des Hauses auf. Lars Wolter bezieht sich in seiner Wandmalerei aus variierten Grundformen und drei Farben direkt auf die Bauhaus-Dreiecke, -Quadrate und -Kreise von Kandinsky und macht daraus ein ornamentales Fresko.

Objekt aus der Zukunft?

Schwarz wölbt sich ein gewaltiges Gebilde aus glänzenden Platten, in Wahrheit aufgespannte Folien, vom Boden aus in den Raum — Sebastian Wickeroth überträgt architektonische Maße des umgebenden Gebäudes auf seine Skulptur und lässt rätseln, ob sich hier womöglich ein geheimnisvolles Objekt aus der Zukunft häuslich niedergelassen hat. So wirkt es zumindest.

Einen in seiner Monumentalität wohl auf beeindruckende Wirkung abzielenden Beziehungs-Mix präsentiert das Konsortium-Trio selbst: mit einer drei mal zehn Meter langen Wandtapete. Darauf überlagern sich eine Ansicht der Florentiner Uffizien und eine Szene aus dem Horror-Actionfilm „Resident Evil“ (2002), in dem Zombies Menschen jagen, um sie zu fressen. Renaissance (Wiedergeburt) trifft auf Untote — da klingelt das gemeinsame Motiv der Auferstehung. Ob aber der humanistische Geist der Renaissance und der abergläubische Ursprung des Zombiezirkus auch nur irgendetwas gemein haben? Hier überwiegt dann doch wohl eindeutig das „Dys“ gegenüber der „Totalen“.

Im sogenannten „Referenzraum“ offenbaren private Objekte der Teilnehmer, was sie im Hintergrund ihrer künstlerischen Arbeit so bewegt: Das sind Plattencover und T-Shirts, Fotos von Oma und Opa, Fahrradreifen, Tragetaschen, Comics — eine insgesamt beruhigende Ansammlung von Krimskrams: Künstler sind eben auch nicht viel anders als du und ich.