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Aachen: Aufwühlendes Wechselbad der Gefühle

Aachen : Aufwühlendes Wechselbad der Gefühle

32 Jahre sind es her, dass Gerhart Hauptmanns „Ratten” in Aachen zuletzt gespielt wurden.

Wohl weniger die gesellschaftskritische Thematik als eher die Fülle der Rollen mögen für die Bühnenabstinenz des 1911 uraufgeführten Stücks ausschlaggebend gewesen sein.

Ausgerechnet das kleine Grenzlandtheater hat sich jetzt an das personalaufwändige Drama herangewagt, 15 Rollen mit zehn Darstellern besetzt und einen Drei-Stunden-Abend fabriziert (inklusive Pause) - der im Flug vergeht.

Intensivstes, unter die Haut gehendes Schauspiel, erstklassige Akteure, die ihr Letztes geben, ein geniales Bühnenbild (Charles Copenhaver) und eine geschickte, einfühlsame Regie (Manfred Langner) garantieren Spannung pur und ein aufwühlendes Theatererlebnis.

Immer noch aktuell

Wachsende Armut, soziales Elend, moralische Erosion - wer wollte bestreiten, dass Hauptmanns gesellschaftliche Bestandsaufnahme im Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts heute wenig von ihrer Aktualität eingebüßt hat?

Bei Hauptmann ist es die Welt der kleinen Leute, die der Putzfrauen und der Hausmeister, der Handwerker und der Arbeitslosen, die als tragische Helden auf dem Dachboden einer Berliner Mietskaserne Schmerz und Enttäuschung erleiden.

Im Zentrum auf der einen Seite: Die vom krankhaften Kindswunsch beseelte Frau John (Heike Schmidt), die dem polnischen Dienstmädchen Pauline (Carmen Heibrock) das Baby gegen Bezahlung abschwatzt, am Ende Selbstmord begeht, nachdem alles aufgeflogen ist und ihr Mann (Thomas Henniger von Wallersbrunn) sich herzlos von ihr abgewandt hat.

Auf der anderen Seite: der Theaterdirektor Harro Hassenreuter (Volker Niederfahrenhorst), der eine illustre Schar von Möchtegern-Mimen vergeblich in die Kunst des Schauspiels einzuführen sucht.

Charles Copenhaver ist es wieder verblüffend gelungen, auf kleinstem Raum eine ganze Bühnenwelt voller Atmosphäre zu entfalten: Der lattengitterverhangene Dachboden lässt sich aufklappen zur ärmlich ausgestatteten Küche der Johns.

Heike M. Schmidt hat mit ansprechenden, charakterisierenden Kostümen für 15 Figuren buchstäblich ihr Meisterstück abgeliefert. Schnitt und Mode besagen: Wir befinden uns in der Gegenwart, in der die Mädels die Hüfthose als Nonplusultra einer bauchfreien Garderobe zelebrieren.

Langner siedelt „Die Ratten” hier und heute an, was auch plausibel funktioniert, bis auf den eigentümlichen Dialekt der Frau John und der Pauline. Deren lingualer Mix aus Polnisch und Ostpreußisch - Hut ab vor Carmen Heibrock, die den zungenbrecherischen Kauderwelsch perfekt gelernt hat - erscheint bei einer konsequenten Zeitverlegung eigentlich als entbehrlich.

Hart an Hauptmann inszeniert Langner abwechslungsreich und mit vielen originellen und überraschenden Einfällen die komische und die tragische Seite der Geschichte parallel, teilweise mit satirisch-bissiger Ironie in der Figurenzeichnung.

Das Lachen über menschliche Unzulänglichkeiten, das Erschrecken vor sittlicher Verrohung und das Nachfühlen schicksalhafter Ausweglosigkeit vor dem Hintergrund einer menschlich ausgekühlten Gesellschaft, in der der Einzelne kaum mehr etwas gilt, das alles führt beim Publikum zu einem heißen Wechselbad der Gefühle.

Dessen Intensität garantiert vor allem in der zweiten Hälfte eine überragende Schauspielerleistung des gesamten Ensembles. Allen voran Heike Schmidt, die eine Charakterstudie der Frau John abliefert, die es in sich hat. Bis an die Grenze des Möglichen legt sie ihr ganzes Herzblut in diese tragische Figur, die aus manisch übersteigerter Liebessehnsucht das grässlichste Unglück heraufbeschwört und schmerzverzerrt stetig wachsendes Unheil zu erleiden hat.

Kerniger Proletarier

Gleichfalls grandios Volker Niederfahrenhorst als dröhnend auftrumpfender, arroganter, eitler, prinzipientreuer, verlogener Hassenreuter, dem die Fassade zum zweiten Ich, zur Charaktermaske geworden ist, dabei mit einem vergnüglich versteckten Zug zur Selbstironie.

Das herausragende Trio vervollständigt beeindruckend Thomas Henniger von Wallersbrunn als Prototyp des kernigen Proletariers, dessen armseliger Ehrenkodex fatalerweise wahre Menschlichkeit gar nicht mehr zum Zuge kommen lässt - eine packende Darstellung, die niemanden kalt lassen kann.

Ralf Stech spielt sensibel den eiskalt-groben Bruno mit einem kümmerlichen Rest an Gewissen, der in einem kurzen Anflug von Menschlichkeit über sich selbst erschrickt.

Ernst Wilhelm Lenik gibt mit Lust zur Karikatur den bigotten Pastor Spitta, Carmen Heibrock ist das moralisch hin und hergerissene Dienstmädchen Pauline.

Allen anderen gebührt auch ein großes Lob für ihren spielfreudigen Beitrag zur Gesamtleistung: Neda Rahmanian, Gabriel Jurk, Eugen May und, besonders wandlungsfähig, Martine Schrey in gleich drei Rollen. Das begeisterte Publikum dankte mit lang anhaltendem, heftigem Applaus.