Aachen: Aufregendes Solo beim Schrittmacher-Festival

Aachen: Aufregendes Solo beim Schrittmacher-Festival

Es ist eine aufregende, provozierende Geschichte, die da in der rauen, „stählernen” Umgebung des Fabrikgebäudes im Aachener Osten erzählt, nein: genial getanzt wurde. Fabien Prioville führte mit seinem Solo „Jailbreak Mind” geradewegs in den Kopf eines Amokläufers in den Stunden kurz vor der Tat.

Der französische Tänzer, der auch mit Choreografen wie Pina Bausch, Josef Nadj oder Davis Freeman zusammenarbeitete, überraschte das Publikum beim Schrittmacher-Festival mit faszinierenden Bildern.

60 Minuten lang tastet sich Prioville an die Persönlichkeit eines Menschen heran, der von mörderischen Gedanken überflutet wird. Die Recherche gilt einem jungen Japaner, der tatsächlich eine Gruppe von Menschen mit einem Messer tötete, anscheinend ohne jeden Grund. Unterstützt von dem Elektronik-Musiker Frank Schulte und dem Videokünstler Uli Sigg, lässt der Tänzer bewegte und bewegende Bilder erstehen, die kühl und sinnlich zugleich die Anatomie eines Mörders freilegen.

Aus einem röhrenden Hubschrauber stürzt ein Mann in die Tiefe. Ist es der gleiche, der kurz darauf im eleganten Sakko zu sehen ist? In einer kalten U-Bahn-Atmosphäre mit Linien, die ins Nicht zu führen scheinen, dehnt und streckt sich der Mann, der einsam und allein gelassen wirkt. Der Absturz aus dem Wolkenkratzer-Himmel scheint auf eine schwere Krise des Mannes hinzuweisen. Eben noch in einer Zen-Haltung, stürzt er immer wieder, rutscht und zappelt, versucht immer wieder, sich aufzurichten. Nach einem Moment der Ruhe kniet er sehr aufrecht, qualvoll wie halbgelähmt. Später kommen Bildprojektionen mit dem vormaligen Anzugträgers hinzu - der Mann war mal jemand, wird schnell deutlich.

Jetzt ist er ein Verlorener, Gequälter im T-Shirt, später mit nacktem Oberkörper. Computerspiele stürmen über ihn herein, lodernde Fantasien und Flammen, Waffengewalt und grausige Explosionen. Alles spitzt sich zu: Aus seinem T-Shirt wird eine Maske, über den Kopf gezogen. Wie ein Alien sieht er jetzt aus, oder wie ein Ninja in weißer statt schwarzer Vermummung. Die Ninjas („Verborgene”) aus Japans vorindustrieller Zeit waren Kundschafter, Saboteure, auch Meuchelmörder und Attentäter.

Alarmierende Klänge verweisen auf den Horror der Verwandlung. Aus dem Burnout-Mann ist ein Shooter geworden, die Verzweiflung wird zur rasenden und doch kalten Wut. Die Opfer, in den Umrissen einer kriminaltechnischen Untersuchung zu erahnen, kümmern ihn nicht. Das Ende - wohl hinter Gittern - zeigt den Amokläufer recht ruhig. Den Ausbruch aus seinem inneren Gefängnis hat er längst hinter sich.

Tosender, kaum enden wollender Applaus und Jubelrufe für diese unglaubliche Vorstellung, für einen großen Tänzer.

Weitere Ferstival-Termine in Aachen und Heerlen

Fabien Priovilles Solo ist auch am Mittwoch, 23. Februar, um 20.30 Uhr in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang an der Philipsstraße zu sehen. Karten: siehe Ticketbox.

Die Karten für die Gastspiele der kubanischen Kompanie „DanzAbierta? am 25., 26. und 27. Februar sind im Vorverkauf bereits ausverkauft. Es gibt aber noch kleine Kartenkontingente an der Abendkasse, die jeweils um 19.30 Uhr geöffnet wird.

Start des Schrittmacher-Programms in Heerlen ist am Dienstag, 22. Februar, ab 20 Uhr im Theater Aachen mit „Present memory” der französisch-amerikanischen Compagnie Carolyn Carlson. Tickets und Infos unter 0031/455716607.

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