1. Kultur

Aachen: Auf jedem Stuhl liegt eine Brechtüte

Aachen : Auf jedem Stuhl liegt eine Brechtüte

Die blauen Brechtüten sind als Warnung zu verstehen. Fein säuberlich gefaltet liegen sie griffbereit auf jedem Zuschauersitz.

Ebenso akkurat die Breitwand-Bühne: Das Sechssitzer-Sofa strahlt in Weiß auf blitzblankem Boden, dahinter glitzern Metallic-Jalousien. Doch wer das kleine Theater-Einmaleins kennt, der ahnt: Wenn eine Bühne zu Beginn einer Aufführung so keimfrei glänzt, dann hat der Inspizient danach meist sehr, sehr viel aufzuwischen...

Dabei ist die Figuren-Konstellation so unspektakulär wie altbekannt: Ein Pärchen lädt ein anderes zu sich nach Hause ein. Da könnte sich also - wie etwa derzeit im Grenzlandtheater bei „Freunde zum Essen” - ein gepflegtes Konversationsdrama entwickeln. Aber im Mörgens geht es handfester zur Sache.

In David Gieselmanns erfolgreicher schwarzer Komödie „Herr Kolpert” zelebrieren die beiden Paare eine Art Kinderparty. Nur ein bisschen blutiger. Zudem sind die Protagonisten bereits jenseits der 20. Und offensichtlich auch jenseits von Gut und Böse.

Auf dem Splatter-Boulevard rutschen die vier in ein munteres Spiel um Wahrheit und Lüge. Als Schmiermittel dienen viel triefender Tarantino-Trash und der mehr oder weniger mobile „running gag”: Herr Kolpert. Haben die Gastgeber ihn nun umgebracht oder nicht? Sein Make-up nässt jedenfalls prächtig. Ein Extra-Lob an die Kaschierwerkstatt.

Die Lebenden haben größere Mühe zu glänzen: Jan Viethen gerät als Chaosforscher Ralf bei den flotten Pingpong-Dialogen manchmal noch ins Schleudern, während Denis Pöpping als Architekt Bastian sehr schön die Stadien des Wahnsinns durchkämpft: vom cholerischen Ausbruch bis zum zaghaften Wimmern.

Und während Angela Eickhoff als Gastgeberin Sarah im Verlauf der pausenlosen 85 Minuten immer stiller und starrer wird, darf Nathalie Schott als ihre Kollegin Edith richtig austitschen: Die debile Blondine metzelt sich durch den Pizzamann (als Gast Florian Seigerschmidt) zur „Emanzipation”.

Wann dabei wessen Körpersäfte über die Bühne spritzen, sei hier nicht genau verraten. Daraus bezieht das Stück seine Spannung, obwohl es schon nach einiger Zeit auf der Stelle tritt. Die junge Regisseurin Katja Lauken befolgt meist recht brav die Regieanweisungen, nur am Ende ist sie dankenswerterweise nicht so artig. Die drei Überlebenden legen ihre besudelten Kleider ab.

So will es auch der Autor. Paradiesische Unschuld oder animalische Regression? Besser nicht weiter fragen, so tiefe Schürfungen verträgt das Stück gar nicht. Doch bei Gieselmann müssen sie am Schluss noch eine Runde weinen, bei Katja Lauken verdrücken sie keine Tränen. Dieser Hieb mit der Moralkeule hätte nach dem grotesken Gewalt-Ballett wohl kaum gesessen.

So verlassen die drei Nackten die Wohnung und blicken von außen durch die Jalousien hinein - auf uns Voyeure im Zuschauerraum. Dort verstummen die Lacher nicht. Die meisten im Publikum haben sich offenbar herrlich an dem Blutbad ergötzt. Starker Applaus. Die Brechbeutel bleiben unbefleckt.