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Bonn: Auf den Spuren der „russischen Seele”

Bonn : Auf den Spuren der „russischen Seele”

Er war eine Art russischer Peter Ludwig des 19. Jahrhunderts - mit nationalem Anspruch: der Moskauer Textilkaufmann Pawel Tretjakow (1832-1898). In beispielloser Weise trug er ab 1856 mit dem Eifer des Schmetterlingsfängers eine legendäre Sammlung russischer Kunst zusammen, die ihresgleichen sucht.

Sein Ziel war dabei von Anfang an: ein Museum nationaler Kunst aufzubauen, das es bislang in ganz Russland noch nicht gab. Bei der Übergabe der Kollektion an die Stadt Moskau 1892 umfasste sie 2000 Objekte, nahezu ausschließlich Hauptwerke der wichtigsten russischen Künstler. Als Tretjakow starb, waren es bereits 3300 Gemälde und Zeichnungen. Ganz im Sinne des Mäzens wurde die zunächst städtische, später staatliche Tretjakow-Galerie fortgeführt, aktuell versammelt sie 150.000 Stücke unter ihrem Dach.

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt bis zum 26. August in einer spektakulären Schau eine Auswahl von 150 Werken - sie entstammen sämtlich dem Kern der ursprünglichen Sammlung.Der Titel lautet: „Russlands Seele - Ikonen, Gemälde und Zeichnungen aus der Trejakow-Galerie, Moskau”. Diese „russische Seele” mit ihrer eigenen Ästhetik bildet sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem vor dem Hintergrund eines erstarkenden Nationalbewusstseins und eines aufstrebenden, zu beachtlichem Wohlstand gelangten Bürgertums heraus, dessen Protagonisten einen intensiven Kontakt zu den Künstlern pflegen. An allererster Stelle: Pawel Tretjakow. Mit untrüglichem Gespür für Qualität wählt er nur die besten Werke aus.

In einer Zeit, als russische Musik, Literatur und das Theater eine realistische Darstellungsweise pflegen, ist es unumgänglich, dass Tretjakow für sich einen entsprechenden Kunstgeschmack ausbildete. Die Bonner Ausstellung spiegelt dies wider in ausgesuchter realistischer Malerei hauptsächlich der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts.