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Aachen: Auf den kulinarischen Spuren der Dichter

Aachen : Auf den kulinarischen Spuren der Dichter

Bouillabaisse Marseillaise, Tarte au Ratatouille, Lammkeule provençale, dazu ein Margeaux und hinterher ein Stück Langres oder Èpoisses: Allein beim Klang dieser herrlichen Worte steigen einem die herrlichsten Düfte in die Nase — kein Wunder, dass die französische Küche seit 2010 zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco gehört.

„Die Cuisine française ist in Frankreich die gebräuchliche Art, die wichtigsten Momente im Leben zu feiern“ — so begründete die Weltkulturorganisation ihre Entscheidung. Recht so!

Und doch ist der kulinarische Genuss à la française noch durchaus steigerungsfähig, wie zwei frankophile Aachener Gourmets beweisen. Angelica Rieger, Universitätsprofessorin für Romanische Philologie an der RWTH Aachen, und der Sternekoch Christof Lang haben ihre ganz ähnlichen Leidenschaften für die französische Lebensart zu einem gemeinsamen Projekt quasi „verheiratet“: „La Cuisine du Poète“, die Küche des Poeten, heißt das literarisch-lukullische Erlebnis, das sie bislang ein- bis zweimal im Jahr frankophilen Gleichgesinnten im Aachener Couven-Museum gegönnt haben und jetzt einem breiteren Publikum anbieten — mit einem Büchlein. Interpretationen aus Küche und Werk großer französischer Dichter — zusammengefasst jeweils in einem Bändchen: Das erste ist gerade erschienen und Marcel Proust gewidmet, herausgegeben vom Kulturbetrieb der Stadt Aachen, namentlich Irit Tirtey.

Menü im Couven-Museum

Das Trio veranstaltet in Aachens „guter Stube“, dem Couven-Museum, auf Anregung von Angelica Rieger seit Jahren regelmäßig Lesungsabende bei einem mehrgängigen Menü. Die Professorin wählt die Literatur aus, der Sternekoch — (Rieger: „Mit Christof Lang haben wir einen Gastronomen mit Herzblut gefunden“) — kongeniale Rezepte und Speisenfolgen. Selbst zubereitet, versteht sich.

Ein bestimmtes Schema hat sich dabei herauskristallisiert: Nach der Einführung folgt in einer der ersten Pausen zwischen den Gängen ein Schlüsseltext, bevor es zum Hauptgang dann deftig wird. Angelica Rieger: „Dann darf es ruhig auch Sex and Crime sein.“ Provokante oder gar schockierende Passagen, bevor Fleisch oder Fisch aufgetischt werden, ehe Sinnlich-Erotisches dann aufs Dessert vorbereitet. Unbedingt zu den literarischen Ingredienzien gehört dabei eine Textpartie, in der der jeweilige Autor eben jene Cuisine française eingehend streift — sei es mit einem Rezept, der Beschreibung eines Mahls oder einer Begebenheit rund um Essbares. Und bei allen Autoren ließ sich — kein Problem — Entsprechendes finden, bei Colette und Honoré de Balzac ebenso wie bei Georges Sand und Émile Zola, Marguerite Duras und Guy de Maupassant.

Allein: Dem Publikum fehlte mehr und mehr ein Stück vergnügliche Nachhaltigkeit, gewissermaßen ein Souvenir, das sich nach Hause tragen und den schönen Abend noch einmal nachempfinden lässt. So entstand die Idee, wunschgemäß eine Buchreihe herauszugeben, die auch andere Leser munter unterhalten wird: „La Cuisine du Poète“. Das Konzept lautet: „Ein Autor — ein Rezept“.

Angelica Rieger, die einige Jahre in Frankreich gelebt hat, führt in dem Bändchen zunächst ein in Prousts siebenbändiges Monumentalwerk „A la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), damit zugleich in das Geheimnis, wie man verschüttete Erinnerungen wieder wachrufen kann.

Prousts Roman spielt im Frankreich des Fin de siècle in der gehobenen Gesellschaft. Der Ich-Erzähler stammt aus einer Familie des Pariser Bürgertums. Die vergnügliche Passage aus der Cuisine stammt aus dem ersten Band. Erzähler Marcel überrascht die Haushälterin Françoise im Küchenanbau dabei, wie sie gerade einem Hähnchen den Garaus macht.

Das will verständlicherweise nicht so ohne Weiteres sterben und wehrt sich nach Kräften, was die Dienerin mit einem Wutanfall quittiert: „Mistvieh, elendiges“. Marcel, total schockiert von der blutigen Szene, eilt bebend die Treppe hinauf Richtung Gemach, überzeugt davon, dass die brutale Françoise unbedingt entlassen werden muss. Allein: Er hat den letzten Treppenabsatz noch nicht erreicht, da fällt ihm ein, dass damit auch die Aussichten auf heiße Wärmflaschen, den täglichen Kaffee und die stets so herrlichen „Poulets“ von Françoise schwinden würden . . .

Rezept „Le poulet chasseur“

Genau hier kommt Christof Lang ins Spiel: Die vier Seiten seines von Marcel Proust inspirierten Rezepts „Le poulet chasseur“ krönen das 40-seitige Bändchen — die Poularde nach Jägerart. Die ungewöhnlichste Zutat offenbart dabei ein kleines Geheimnis des Sternekochs: Moos. Moos? „Mit der Schere die Spitzen abschneiden“, erklärt Christof Lang. „Eine Handvoll davon — ohne Erde natürlich —in kaltem Wasser gut waschen.“ Dann in ein Sieb geben und den reduzierten Fond — gekocht aus Poulardenknochen, zwei Schalotten, einer fast schwarz gebrannten Zwiebel, einer zerdrückten Knoblauchzehe, einem Bund Thymian, einer halben Lauchstange und Wasser — heiß durch das Moos schütten. „Dadurch bekommt der Fond einen waldigen Geschmack.“

Nebenbei: Wovon lässt sich der Michelin-ausgezeichnete Koch außer französischen Dichtern noch inspirieren? Lang: „Von Claude Monet. Sein Kochbuch war mein Lieblingsbuch, als ich 17 war.“ Ein Bekenntnis, das überrascht: „Er war maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich überhaupt Koch geworden bin.“ Ausgerechnet ein Maler, der offenbar nicht nur herrliche Bilder herstellen konnte.

Das Buch ist erhältlich in der Buchhandlung Schmetz am Dom, in der Mayerschen Buchhandlung und beim Kulturbetrieb der Stadt Aachen, Telefon 0241/4324920. Christof Lang: „Kann man mal statt Blumen mitbringen.“

Angelica Rieger: La Cuisine du Poète. Band 1: Marcel Proust und Christof Lang. Verlag Robert Mertens, Aachen. 40 S., 9,80 Euro.