1. Kultur

Stuttgart/Nideggen/Alsdorf: Auch die Chorlandschaft in unserer Region befindet sich im Wandel

Stuttgart/Nideggen/Alsdorf : Auch die Chorlandschaft in unserer Region befindet sich im Wandel

Der Hilferuf des Männergesangsvereins kommt per Mail. Moritz Puschke, Geschäftsführer des Deutschen Chorverbands, hat schon viele solcher Schreiben bekommen. Den Inhalt fasst er so zusammen: „Helft uns bitte. Wir sind nicht mehr singfähig. Wir sind nur noch 14 alte Männer. Wir haben keinen Nachwuchs mehr — und wir müssen jetzt unseren Chor beerdigen.“

Das findet Puschke „wahnsinnig traurig“. Schließlich hätten solche Chöre viele kleine Städte oder Dörfer über 150 Jahre geprägt. Doch es wächst was nach: Für die sterbenden Traditionschöre kämen fast ebenso viele andere nach. Belege dafür gibt es vom 26. bis 29. Mai beim Deutschen Chorfest in Stuttgart. Zehntausende Chorsänger werden zu einem der international größten Musikfestivals erwartet.

Nach Angaben des Chorverbandes ist die Szene im Wandel: „Das Singen in Männerchören oder traditionellen Gesangsvereinen, das geht total zurück“, sagt Puschke. Es sei eben nicht mehr wie früher: Wo ich wohne und arbeite, da singe ich auch. Bindung gehe verloren. Das verschärfte Arbeitsleben mit wechselnden Dienstzeiten, den gesellschaftlichen Wandel — das gibt auch die Vorsitzende des Sängerkreises Düren, Sigrid Rösner aus Nideggen, als wesentlichen Grund für den Mitgliederschwund in den Chören an.

„Dabei sind wir noch gut aufgestellt“, sagt sie. „Wir haben immerhin noch Kinder- und Jugendchore.“ Im Kreis Euskirchen gebe es dagegen keinen einzigen mehr. Innerhalb kurzer Zeit ist die Zahl der Sängerinnen und Sänger der 27 Vereine mit 33 Chören im Sängerkreis Düren von gut 2000 auf 1700 geschrumpft. „Abmeldungen gab es aus verschiedenen Gründen.“

Es hakt auch an Kleinigkeiten

Manchmal scheint es dabei an unfassbaren Kleinigkeiten zu liegen: Den Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahren wird der Verbandsbeitrag von vier Euro pro Jahr erlassen — ansonsten wäre nach Erfahrung der Vorsitzenden der Schwund noch größer. Kaum zu glauben angesichts eines solchen Minibeitrags. Große Hoffnungen verbindet Rösner mit einer Bildungsinitiative, die der Chorverband NRW ins Leben gerufen hat: „Toni singt“. Dabei handelt es sich um ein Fortbildungsprogramm für Erzieherinnen und Lehrkräfte, die mit Kindern singen, das vom Land finanziell unterstützt wird.

Auf Lehrgängen erlernen die Pädagogen Grundlagen und Praxis der kindlichen Stimmbildung. Fundiertes didaktisches und Liedmaterial hilft ihnen dann in der Kita, den Kindern die Freude am Singen zu vermitteln. Die Schulungen finden in ganz NRW statt. „Das ist eine echte Investition in die Zukunft“, sagt Sigrid Rösner.

Problemfall „Deutsches Liedgut“: „Die jungen Leute wollen heute nicht mehr ‚Am Brunnen vor dem Tore‘ singen“, sagt Wilfried Leisten aus Alsdorf, Erster Vorsitzender des Chroverbandes der Städteregion Aachen. „Das ist das falsche Programm.“ Den Vorsitzenden der Gesangvereine hat er es kürzlich hinter die Ohren geschrieben: „Geht mit der Zeit!“ Allerdings haben seine mahnenden Worte wenig gefruchtet.Während die Jugend am liebsten auf Englisch singen will, hängen die überwiegend alt gewordenen Herrschaften in den Chören hart am Deutschen fest. „Russisch oder norwegisch — alles wird gesungen“, sagt Leisten.

„Nur englisch, das geht nicht.“ Das Publikum will das angeblich nicht hören, werde immer wieder angeführt. „Klar, dass das deutsche Liedgut gepflegt werden sollte, aber man muss auch bereit sein, anderes, modernes zu bringen.“

35 Chöre mit rund 1000 Sängern sind dem Chorverband der Städteregion Aachen noch verblieben. Harte Worte fand Leisten für die Vorstände der Vereine kürzlich beim Sängertag in Horbach: „Die sollten die Sänger zur gezielten Mitarbeit motivieren, nicht immer die Schuld bei anderen suchen.“ Als der Verband ein Ausbildungsprogramm für zweite Dirigent aus der Taufe hob — der Dirigentenmangel ist eines der größten Probleme im Chorleben der Region —, „da hat sich kein Einziger gemeldet“. Das Angebot sei einfach nicht angenommen worden.

Inzwischen warnt Deutschlands Chorlegende Gotthilf Fischer (88) vor einem Verlust des deutschen Liedguts. „Vergesst mir das deutsche Lied nicht“, sagt der Erfinder der „Fischer-Chöre“. Gesungen würden die „wunderbaren deutschen Lieder“ nur noch von aussterbenden Männerchören — was Wilfried Leisten bestätigt. Dass die Jugend am liebsten englisch singt, kann Sigrid Rösner bestens verstehen — und findet das alles andere als schlimm. „Pop und Jazz sind doch nicht schlecht. In der Architektur und anderen Bereichen gibt es ja auch immer wieder etwas Neues.Es muss ja nicht immer nur Weber und Schubert sein. Wir sind ja nicht irgendwelchem Liedgut verpflichtet, sondern dem Singen. Dem Spaß am Singen.“

Und dem bricht sie mit leidenschaftlichen Worten eine Lanze: „Das muss man einfach mal erlebt haben, beim Singen als Gleicher unter Gleichen zu sein. Da vergisst man sofort jedes Zipperlein!“

Genau diese Erfahrung haben offenbar auch die 30.000 begeisterten Menschen gemacht, die im letzten Jahr die Aachener Chorbiennale erlebt haben, allein die Lange Chornacht fand 15 000 Besucher. 2009 vom damaligen Kulturdezernenten Wolfgang Rombey zusammen mit dem ehemaligen Generalmusikdirektor Marcus Bosch initiiert, ist der Publikumszuspruch ungebrochen. Die nächste Chorbiennale findet 2017 statt. Allen Unkenrufen zum Trotz: Singen ist nach wie vor „in“. Es mangelt offenbar hier und da am Programm. „Gospelchöre“, erklärt Wilfried Leisten, „die sind bei der Jugend jetzt sehr gefragt.“

Der Chef des Deutschen Chorverbandes sieht denn auch unterm Strich eigentlich keinen Grund zu klagen, schließlich gebe es parallel zum Rückgang bei Traditionschören einen fast gleichgroßen Zuwachs — „in den Großstädten, wo es Universitäten gibt, wo es Musikhochschulen gibt, wo Leute hinziehen.“

Dort gründeten sich Vocal-Pop- und Jazz-Chöre mit zeitgemäßem Repertoire. Ebenso wie Kammerchöre mit sehr hohen Ansprüchen an Chorleiter, Repertoire oder Aufführungspraxis. Aachen mit seiner äußerst lebenden Chorszene ist da das beste Beispiel. Das Deutsche Musikinformationszentrum geht von geschätzt vier Millionen Menschen aus, die in einem Chor singen. Die Zahl der Sänger in den 60 000 Chören der Kirchen und der organisierten Szene gibt der Deutsche Musikrat mit 2,2 Millionen an. Hinzu kommt mehr als eine Million Sänger in diversen Chören der freien Szene.

Die Zahlen belegen steigendes Interesse junger Sänger: Anfang 2012 registrierte der Deutsche Musikrat knapp 309 000 Kinder und Jugendliche in Chören, zwei Jahre später waren es 379 000. Der Zuwachs an Kinder- und Jugendchören mache Mut, so Puschke.

Und was rät er dem Männergesangsverein mit dem Hilferuf? Zunächst mal analysieren, sagt Puschke. Vielfach sei die Fusion mehrerer sterbender Chöre eine Lösung. Oder eine Neugründung, etwa als „70 plus in Schwäbisch Gmünd“. „Man macht aus dem Altsein ‘ne Marke.“ Und indirekt pflichtet er damit auch dem Aachener Verbands-Chef Leisten bei: Es gebe Rezepte, aber die setzten Offenheit und Neugierde voraus — „und wahrscheinlich auch die Akzeptanz, sich ein Stück weit von Tradition und auch von Stolz trennen zu müssen“.