Aachen: Atemberaubende Kunst-Vielfalt

Aachen: Atemberaubende Kunst-Vielfalt

Er war nach dem Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 80er Jahre eine der herausragenden Aachener Künstlerpersönlichkeiten, dessen Werk weit bis nach Belgien und Frankreich hin ausstrahlte: Jo Hanns Küpper, mehrfach ausgezeichnet in Monte Carlo, Ancona, Ostende.

Am Samstag wäre er 100 Jahre alt geworden. Seine Witwe, die Kunsthistorikerin Anne Küpper, und seine Söhne Hanns Michael und Lucas präsentieren aus diesem Anlass zahlreiche Arbeiten aus seinem Lebenswerk, dort wo er über Jahrzehnte gelebt und gearbeitet hat: in seiner 200 Quadratmeter großen Atelierwohnung in Aachen, Oppenhoff-allee 137\.

Nachdem die beiden Aachener Kunstmuseen Suermondt-Ludwig-Museum und Ludwig Forum nach Marketinggesichtspunkten profiliert wurden auf alte und zeitgenössische Kunst, gibt es für Ausstellungen Aachener Künstler dieser Generation hier keinen Raum mehr.

Dabei hätte es Jo Hanns Küpper verdient; 1967, 1977 und 1988, zwei Jahre nach seinem Tod, fanden Präsentationen und Retrospektiven im Suermondt- beziehungsweise Suermondt-Ludwig-Museum statt, die eines immer wieder frappant belegten: die geradezu Picasso´sche traumwandlerische Sicherheit und Konsequenz, mit der er Werkphase für Werkphase in seinem Leben durchgearbeitet hat. 13 waren es an der Zahl, und jede einzelne brachte mehr als 400 Arbeiten hervor, von denen viele zum Glück jetzt noch einmal zu sehen sind.

Anne Küpper hat uns herumgeführt, Raum für Raum, Korridor für Korridor - und selbst durch die Küche, wo sich jetzt die ersten Dokumente seines großen Traumas finden - der Kriegserfahrung. Das fürchterliche Erleben, wie ein Kamerad vor seinen Augen durch den Luftdruck einer Mine buchstäblich skelettiert wurde - er arbeitete es auf in einem monströsen Porträt, dessen Authentizität man hautnah zu spüren glaubt. Spätmittelalterliche Motive konfrontiert er zu dieser Zeit mit Raketenabschussbasen, um dem „Moloch Macht” ein fratzenhaftes Gesicht zu geben.

Farbe als Musik

Aber es gab auch heiterere Zeiten in seinem Leben, nach einem überstandenen Autounfall schweben in einer neuen Werkserie bauchige, freundlich-frabige Fantasiewesen durch seine Bilder. Unbeschwerte Fröhlichkeit spricht aus Collagen zu Beginn der Siebziger. In einer anderen Phase beginnt er, mit der Farbe zu musizieren, als Mitausführender im Orchester, nur dass seine Musik Klänge von optischer Natur sind.

Dann folgen erstarrte Welten voller Öde, beseelt von mythologischen Wesen, die aus einer futuristischen Welt zu stammen scheinen. Bilder vom späteren Film-„Krieg der Sterne” - Jo Hanns Küpper scheint sie mit archetypischen Formen schon vorweggenommen zu haben. Und immer sind es Grundfragen der Menschheitsgeschichte, die ihn bewegen und inspirieren, stets neue malerische Techniken und Stile zu entwickeln.

Unterbrochen von surrealistischen Visionen ebenso wie raffinierten Verwirrspielen mit der optischen Wahrnehmung. Alles mündet in eine letzte Phase, in der er komplizierte geometrische Konstruktionen von verschachtelten Körpern und Bahnen als allgemeine Chiffren der menschlichen Existenz versteht.

Sein letztes, visionäres Bild: „Wo kommen wir her - wo gehen wir hin?” Die Vielseitigkeit seines künstlerischen Lebenswerks, von den hunderten Skulpturen gar nicht zu reden - sie ist atemberaubend.

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