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Aachen: Antwerpener Meister paust Italiener ab

Aachen : Antwerpener Meister paust Italiener ab

Dass Joos van Cleve stark von Leonardo da Vinci beeinflusst wurde, ist bekannt. Keine harten Konturen, viele dünne Farbschichten übereinander, die Komposition - das ist nichts Neues.

Nicht umsonst trägt van Cleve den Beinamen „Leonardo des Nordens”.

Aber dass er sich seinem Vorbild auf eine so simple Art und Weise angenähert hat, das hat sogar der Kuratorin der bald in Aachen beginnenden Joos-van-Cleve-Ausstellung, Alice Taatgen, die Sprache verschlagen.

„Er hat die Kirschenmadonna des Leonardo-Schülers Giampietrino eins zu eins abgepaust”, sagt sie. Den Beweis liefert eine Folie, auf der die Konturen des Originals nachgezeichnet sind. Taatgen hält sie über die im Suermondt-Ludwig-Museum hängenden Kirschenmadonna.

Begnadeter Kopist

Das Gesicht, der Körper, sogar die Speckfalten des Jesukindes passen haargenau. Bei der Maria muss Taatgen die Folie leicht drehen. Jetzt passen die Konturen auch hier. „Möglicherweise ist van Cleve beim Abpausen das Papier ein bisschen verrutscht”, sagt sie. Nur die Landschaft im Hintergrund ist keine italienische, sondern eine nordalpine. „Van Cleve hat auch nicht nur eine Kopie angefertigt. Es müssen mindestens 30 sein”, sagt die Kuratorin. Manche sind sogar spiegelverkehrt - ebenfalls bis auf die Landschaft.

Aber warum ist das erst jetzt aufgefallen? Zumal die Ähnlichkeit der Werke lange bekannt ist. Der Grund liegt in den Besitzverhältnissen. Und jetzt kommt der Direktor des Suermondt-Ludwig, Peter van den Brink, ins Spiel.

Auf einer New-York-Reise erfuhr er, dass die italienische Kirschenmadonna demnächst bei Sotheby´s versteigert wird. 300.000 Dollar sind angesetzt. Bislang war sie in Texas in Privatbesitz.

Da er eh in den nächsten Tagen einen Termin in dem Auktionshaus hatte, bat er darum, einen Blick auf den Giampietrino werfen zu dürfen und dann um eine Pause. Damit war dann alles klar.

„Wir hoffen, dass wir das Bild ab März auch in der Ausstellung zeigen können, aber das hängt vom Käufer ab”, erklärt van den Brink. Und der sei noch nicht bekannt. Er habe bei Sotheby´s eine Anfrage abgegeben. Jetzt heißt es warten und hoffen, dass der Käufer sich meldet. Die Tatsache, dass van Cleve offenbar sehr ökonomisch gearbeitet hat, ist nicht das einzig Spannende, was während der Ausstellungsvorbereitungen entdeckt wurde.

Was renommierte Kunsthistoriker noch als Kopie oder als Stück aus van Cleves Werkstatt eingeordnet haben, entpuppte sich als eindeutig aus der Hand des Meisters, auch die engen Kontakte zu Lucas van Leyden und Jacob Cornelisz van Oostzanen wurden einmal mehr deutlich. Wie es der Zufall will, bereiten gerade zwei andere Museen, „De Lakenhal” in Leiden zeitgleich zur Aachener Ausstellung und das Städtische Museum Alkmaar 2013, Ausstellungen zu diesen beiden Vertretern der nordalpinen Renaissance vor. Sie arbeiten eng mit Aachen zusammen.

Einer der wenigen großen Altäre Joos van Cleves wird leider nur virtuell in Aachen zu sehen sein. Das ist in sofern bedauerlich, als dass von diesem Triptychon alle Details bekannt sind: Auftraggeber, Preis, wer abgebildet ist. Aber der Transport würde es zu stark beschädigen. So steht es immer noch an seinem originären Aufstellungsort in San Donato in Genua. Was der Altar über den Künstler aussagt, wird in der Ausstellung in einem Film zu sehen sein.

Zwischen Genua und Antwerpen, wo van Cleve seine Werkstatt hatte, gab es rege Handelskontakte. Einer dieser Händler bestellte den Altar bei van Cleve, der damals mit sechs Schülern plus Gesellen und Knechten die größte und produktivste Werkstatt Antwerpens besaß - von immerhin 250 Meistern, die zwischen 1490 und 1530 in der Gilde der Stadt eingetragen waren. Antwerpen stellte mit dieser Größenordnung sogar Rom in den Schatten.

Leihgaben auch aus New York

Schon früh wurden van Cleves Werke Bestandteil weltweit verstreuter privater wie musealer Sammlungen. Entsprechend lange Reisen werden die Exponate der Aachener Ausstellung antreten: Aus New York, Washington, Philadelphia, Paris, New Hampshire, Wien und so weiter. 62 werden zwischen dem 17. März und dem 26. Juni insgesamt gezeigt.

Aber warum plant man diese Schau eigentlich ausgerechnet jetzt? „Die bekannten Künstler wurden schon so oft gezeigt, dass das ein bisschen langweilig wäre”, sagt van den Brink. „Und wenn wir van Cleve nicht jetzt machen, machen es die USA vielleicht in drei Jahren.”