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Aachen: Anschwellende Gemälde und Gips

Aachen : Anschwellende Gemälde und Gips

Zwei unterschiedliche künstlerische Temperamente empfiehlt die jüngste Ausstellung der Sammlung „Kunst aus Nordrhein-Westfalen” (bis 16. Januar) in der alten Reichsabtei Kornelimünster dem Blick des Betrachters.

Die Malerin Tatjana Doll (34), die mit großformatigen Gemälden regelrecht auftrumpft, und den Bildhauer Ralf Werner (35), dessen Widerspiegelungen subtil auf die historische Architektur des einstigen Klosters reagieren.

Beide haben indes auch etwas gemeinsam - und zwar etwas ziemlich Entscheidendes: Sie waren 2003 Förderpreisträger des Landes Nordrhein-Westfalen.

Für Maria Engels, die Leiterin der Sammlung, war dies mit der Grund, der Berlinerin und dem Düsseldorfer eine Präsentation auszurichten.

Die augenfälligsten Bilder von Doll, die aus Westfalen stammt, sind die Teile des Zyklus, in dem sie eine russischen Matrjoschka-Puppe variiert - nicht der Art der Darstellung, sondern der Größe nach.

Dreht sich der Besucher im zentralen Saal um langsam um 360 Grad, so wird ihm ein Erlebnis zuteil, dass einem Crescendo in der Musik gleicht: Immer mehr schwellen die Volumina, die Dimensionen der Gemälde an.

Dieser Effekt deckt sich mit den Intentionen der Künstlerin: Im „Café Moskau” hat sie in der Bundeshauptstadt die Puppen entdeckt und sich bei ihrem Anblick gedacht: „Das bietet mir die Chance, ein Bild von klein nach groß durchzuformen.”

Und also geschah es. Resultat: eine dynamische Variation über die Wirkung eines Kunstwerks, ansteigend vom Kammerspiel zum großen, vollen Ton.

Damit erschöpft sich die Kunst der Tatjana Doll indes nicht. Ihre Zeichnungen, die durchaus nicht immer eine Vorstufe der Malerei sind und in Kornelimünster nach thematischen Gruppen gehängt präsentiert werden, zeugen von einem geradezu seziererischem Blick auf die Wirklichkeit dieser Welt.

Was die Künstlerin jedenfalls in ihrer „Lifestyle-Serie” aus Illustrierten und anderen Medien herausgelöst hat, konzentriert den Blick auf die Phänomene der Zeit und legt sie für das Auge bloß.

Ralf Werners Bildhauerei ist dem gegenüber von sehr viel kargerer Art und öffnet sich den Sinnen nicht annähernd so schnell. Der gebürtige Schwabe, der heute in der Landeshauptstadt am Rhein lebt, reagiert stets auf den Ausstellungsraum, arbeitet also immer vor Ort.

So ist seine größte Arbeit in der Reichsabtei vor den Toren Aachens eine Gipsplastik, mit der er die Stukkaturen der Decke aufgreift.

In sehr reduzierter Art greift Werner die vorgefundene Architektur oder einzelne ihrer Elemente auf und setzt ihr reflektierend eine Fortführung entgegen - wie Ruf und Echo.