1. Kultur

Aachen: Angestrengt nach Melancholie gesucht

Aachen : Angestrengt nach Melancholie gesucht

Kurz vor seinem Auftritt im Aachener Einhard-Gymnasium suchte Lutz Görner selbst die Lücken zu schließen, um all den Literaturhungrigen die Möglichkeit zur Teilnahme an seinem neuen Programm „Bertolt Brecht - Ein Leben in Gedichten - zu geben.

Indes, trotz des ausverkauften Hauses, trotz des kräftigen Applauses: Der Brecht-Abend von Lutz Görner hielt nicht, was die Ankündigung versprach. Und das lag nur zum Teil an des Dichters Material.

Zu Beginn gab Görner einen Abriss der Fluchtbewegungen Brechts. Warum? Weil man in einem Gymnasium zu Gast war? Weil der Publikumsanteil von Schülern aus Deutsch-Leistungskursen groß und der von Lehrern noch größer war an diesem Abend? Zu lang jedenfalls geriet diese Unterrichtsstunde in Sachen Exil, wie sie zu kurz in der Sache selbst war.

Denn die bloße Aufzählung der Orte, an denen Bertold Brecht im Verlaufe von Jahren nach 1933 Zuflucht fand, missachtet, auf welche unterschiedlichen Situationen Brecht dort traf. Und wie die Reaktionen in einem Land auf seine Person ihn und seine Arbeit beeinflusst haben mochten.

Das Programm selbst, musikalisch begleitet von Oliver Steller (Gitarre), Dietmar Fuhr (Kontrabass) und Bernd Winterschladen (Saxophon), war geteilt. Bis zur Pause kamen Gedichte aus der Zeit bis Anfang der 30er Jahre zum Vortrag („Die Hauspostille”).

Nach der Pause folgten Texte, die im Exil und später in der DDR entstanden (unter anderem „Buckower Elegien”). Görner teilte damit vielleicht unbewusst das Leben Brechts in das des lustigen, lästernden, spottenden Gedichte-schreibers, dem sich der Erfolg nicht lange widersetzen konnte, und in das des Gutmenschen, des altersweisen Dichters, Denkers und Theaterprinzipals, der, mit den Oberen im Clinch, sich auf sich selbst bezieht und melancholisch wird.

Das ist im ersten Teil so locker und frei (trotz des Hängers im zweiten Stück), wie es im zweiten Teil so betont getragen wirkt. Immer wieder gerne anzusehen ist, wie Görner sich verausgabt, aus den Texten herausholt, was nur in ihnen steckt. Aber es muss eben auch in ihnen sein. Und so sind die szenischen, gesungenen, paradierten Texte des frühen Brecht ein gelungener Auftritt.

Doch der zweite Teil wirkt viel weniger gelungen. Zu angestrengt sucht Görner nach der Innerlichkeit und der Melancholie in den Texten. Das Beben gleicht nicht dem des dichterischen Herzens, sondern ähnelt eher einer Textschwäche des Vortragenden. Welch kluger Schachzug war es da, ein paar pointierte Texte von Brecht-Meisterschüler Heinz Kahlau an den Schluss zu setzen.