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Aachen: Anfragen kommen aus der ganzen Welt

Aachen : Anfragen kommen aus der ganzen Welt

Mit rund 10.000 verkauften Karten kann sich das 17. Aachener Schrittmacher-Festival, das nun bereits im dritten Jahr mit dem Parkstad Limburg Theater in Heerlen kooperiert, erneut über einen Besucherrekord freuen.

26 Vorstellungen gab es allein in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang, wo Stadt und Besitzerfamilie Born für weitere technische und räumliche Verbesserungen (es wurde sogar geheizt) gesorgt hat.

„Auch das Filmprogramm, das wir mit Hilfe der Volkshochschule anbieten konnten, und die Workshops kamen gut an”, freut sich Festivalleiter Rick Takvorian vom Kulturbetrieb Aachen. „Uns lag zudem an einer guten Mischung beim künstlerischen Programm.” Längst kommen Anfragen aus aller Welt, bieten renommierte Compagnien aus eigener Initiative ihr Mitwirken bei Schrittmacher an.

Gewagte Mischung

„Wir haben es diesmal gewagt, von der puren Klassik über Modern Dance bis zum heftigen Experiment, dem Tanz mit Krücken und Gehhilfen, eine Mischung anzubieten”, wirft Takvorian einen Blick zurück auf die letzten Wochen. „Es hat funktioniert.”

Die letzte Vorstellung: Es ist kein lockeres Vergnügen, keine bunte Unterhaltung, aber es ist eine grandiose Leistung, eine intellektuelle Provokation und eine der dunkelsten Seiten des tänzerischen Erzählens, was die britische Company Random Dance unter ihrem Gründer und Choreographen Wayne McGregor zu Schrittmacher nach Aachen mitgebracht hat.

Gleich an drei Abenden sorgten sie zum Abschluss des Festivals in der Fabrik Stahlbau Strang für Faszination und Anspannung bei einem Publikum, das sich ab und zu mit Zwischenapplaus spontan etwas Luft verschafften musste.

„Entity”, eine Arbeit McGregors aus dem Jahr 2008, ist eine kluge, hintergründige und komplexe Choreographie. Die Übersetzungen des Titels bewegen sich zwischen „Gebilde”, „Seiendem” und „Dasein”. Der radikale Einsatz neuer Technologien, gewaltiger elektronischer Klangkulissen, sowie filmischer Mittel ist eine Spezialität McGregors. Und so sorgen Coldplay sowie Jon Hopkins von Massive Attack und der Komponist Joby Talbot für 60 spannungsreiche Klangminuten.

Die flimmernde Eingangsprojektion - ein rennender Windhund - weckt Gedanken an Eed-weard Muybridge (1830-1904), einen Pionier der Fotografie und des späteren Films.

Der Engländer ging nach Amerika, wo er erstmals ein laufendes Pferd in all seinen Bewegungsphasen fotografierte und hierzu ein System mit einem Dutzend Kameras und bis zu 1/6000stel Sekunde verkürzten Belichtungszeiten entwickelte. Die Fachwelt staunte. Sein „Zoopraxiscope” zeigte schließlich durch die raffiniert schnelle Abfolge der Bilder lebensnahe Bewegungsabläufe bei Tieren und Menschen - zwölf Jahre vor Edisons Kinetoscope.

„Entity” ist die choreographisch perfekt umgesetzte Essenz dieser „Sektionen”, eine futuristische Skizze archaischer Geheimnisse. Bei den Tanzenden hat man die Assoziation von großen balzenden Laufvögeln, von Revierkämpfen, Unterwerfung, Rudelgebaren, Vereinzelung und Vertreibung. Männer wie Frauen bewegen sich barfuß und glänzend trainiert auf höchstem tänzerischem Niveau.

Heftiges Ringen

Die Körper, schlicht und knapp schwarz-weiß bekleidet, winden und verdrehen sich, Wirbelsäulen werden gerundet, verbogen und abgerollt, Köpfe entwickeln nahezu abnorme Gegenbewegungen zu Schultern und Armen. Nirgends scheinen Knochen, Sehnen oder Gelenke im Wege zu sein. Häufig läuft das alles in einer Art skurriler „slow motion” ab.

Zwischen den Paaren gibt es statt zärtlich-sehnsüchtiger Berührung ein unvermindert heftiges Ringen, immer wieder den tastenden Griff um die Taille, das mit panisch zappelnder Gegenwehr beantwortete Anheben und Zerren. Sobald das Licht schwindet, formiert sich die Gruppe wie durch einen inneren Befehl zur dunklen Chiffre.

Dann hebt sich die rechteckige helle Hinterwand, und es erscheinen neue Projektionen: trüb Flüssiges, Amöben und von Hand gekritzelte Formeln, ein emotionsloses Drängen nach Zellteilung und Fortentwicklung.

Ein großer Vogelschwarm erhebt sich und fliegt in einen weiten grauen Himmel, auch das erinnert an Muybridges Impressionen. Aber der Mensch bleibt tief unten, windet sich am Boden und sucht eine Existenz in mühsam geschaffenen Formen.

Stürmischer Applaus

Jetzt stürzen die Tanzenden auf grell leuchtende geometrische Systeme, legen sich Arme und Beine über Tangenten, vollziehen die Leiber den inneren Kreis im Dreieck oder werfen sich neben die Diagonale im Quadrat. Eine Menschheit mit Ritualen, jedoch ohne Individualität - lediglich „Entity”, ein Gebilde.

Urzeit oder Endzeit? Wer weiß das schon. Betäubend dazu die Musik, die jeden anderen Gedanken auslöscht, den Blick auf die Bühne zwingt und den Puls in die Höhe jagt. Nicht nur bei der Company. Stürmischer Applaus.