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Aachen: Anderthalb Stunden auf der Achterbahn

Aachen : Anderthalb Stunden auf der Achterbahn

Nein, keine Sorge, diesmal greift niemand ins Klo, kein Handy wird auf der Bühne bimmeln und auch kein Laptop aufgeklappt. Die Konservativeren unter den Theaterzuschauern dürfen also schon mal aufatmen. Alexander von Pfeil inszeniert wieder in Aachen.

Aber dass er das Publikum erneut so polarisiert wie mit „Falstaff” und „Madame Butterfly” ist wohl nicht zu erwarten.

Gut eine Woche vor der Premiere mag diese Vorhersage vielleicht noch etwas gewagt sein, aber so viel steht wohl fest: Moderne Kommunikationsmittel und fiese Körperflüssigkeiten spielen in Pfeils neuer Arbeit keine Rolle. Na ja, abgesehen von Blut und Tränen.

Die Tränen wird Irina Popova fließen lassen. Mit Francis Poulencs Solo-Drama „La voix humaine” (Die menschliche Stimme) begibt sich die Sopranistin auf eine „psychologische Achterbahnfahrt”, sagt ihr Regisseur. Als junge Frau durchlebt sie das letzte Gespräch mit dem Mann, den sie bis zur Selbstaufgabe liebt. Er verlässt sie. Das Einzige, das sie noch mit ihm verbindet, ist das Telefon. Wir hören nur die eine Seite ihres Dialogs, die Worte der Frau. Und Popova wird auf der Bühne tatsächlich beide Hände voll zu tun haben mit einem Gerät, wie sie es noch aus ihrer Kindheit kennt, mit Hörer und Schnur, ganz altmodisch.

Denn Alexander von Pfeil will die Kurzoper aus dem Jahr 1959 nicht bemüht aktualisieren. Er will „ganz pur” erzählen. Von Lebenslügen, Schmerz, Liebe, Verzweiflung. Von extremen Emotionen, die Popova an Grenzen führt. „Privat bin ich ein ganz anderer Typ Frau. Da ziehe ich mich eher zurück”, meint die Sängerin, die verheiratet ist und eine 14-jährige Tochter hat. Diese Schizophrenie hinterlasse Spuren. „Die armen Menschen um mich herum”, sagt sie und lacht.

Vor zehn Jahren wurde Poulencs Monolog zuletzt in Aachen gezeigt, inszeniert von Choreografin Arila Siegert, mit einer Sopranistin, einer Tänzerin und einem Tänzer. Irina Popova wird die rund 50 Minuten nun ganz alleine durchstehen müssen. „Wahnsinnige Konzentration” sei da gefragt, sagt Popova - und hört sich doch noch recht gelassen an: „Ich stelle mir einfach vor, ich singe drei, vier Arien hintereinander.” Auch stimmlich eine Grenzerfahrung? „Nee!”, meint sie entrüstet und lacht. Weniger extreme Höhen als die französischen Worte könnten zur Hürde werden. Mehr Sprechen als Singen sei das Ganze für sie. „Ich darf mich gar nicht einsingen.” Also wohl eher eine schauspielerische Grenzerfahrung. An Jean Cocteaus Einakter, den Poulenc vertonte, haben sich Schauspielstars wie Ingrid Bergman, Hildegard Knef oder Klaus Kinski versucht. „Wie ein verblutendes Wild” werde die Frau in die Enge getrieben, sagt Pfeil. Ein Blutbad aber sei nicht zu befürchten.

Richtig körperlich wird allerdings das zweite unerbittliche Duell zwischen Mann und Frau, das nach der Pause folgt. Dann ziehen Soldaten in den angeschimmelt weißen Raum. Ein schrecklicher Kreuzzug tobt. Mit „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda” vertonte der Barockkomponist Monteverdi einen kleinen Auszug aus Torquato Tassos Epos „Das befreite Jerusalem”. Für Pfeil stehen sich „ein westlicher Kämpfer und eine muslimische Aktivistin” gegenüber, Bezüge zu aktuellen „heiligen Kriegen” dürfe aber jeder selbst ergänzen. Eingeleitet wird Monteverdis Madrigal durch eine „Canzone” des zeitgenössischen italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino - zusammen also noch einmal rund eine halbe Stunde „Achterbahnfahrt”. Zwischen Operetten-Champagner und Mozartkugel darf der Zuschauer nun also etwas Schwarzbrot knabbern. „Ja, das sind zwischenmenschlich qualvolle Zustände”, sagt Pfeil. „Und die sollte man nicht durch Weichzeichner wegdrücken.” Gleichwohl betont er: „Ich beabsichtige nicht gezielt zu provozieren.” Er wolle „einfach nachvollziehbar Geschichten erzählen”.