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Aachen: „Amputieren oder zu Professor Weber”

Aachen : „Amputieren oder zu Professor Weber”

Drastische Szenen spielten sich am Mittwoch in Raum 2004 des Aachener Arbeitsgerichts ab. Dutzende Eltern mit Kindern auf Krücken oder im Rollstuhl bestürmten die Richterin, in ihrem Sinne zu urteilen. Keiner, wirklich niemand außer Weber könne ihren Kindern helfen.

„Entweder amputieren oder zu Professor Weber!” Ob das wirklich so ist, wird ein Arbeitsgericht nicht klären können. Doch die Causa „Professor Weber gegen Uniklinikum Aachen” ist auf jeden Fall unerfreulich und unglücklich.

Der Orthopäde Michael Weber (50) ist ein anerkannter und angesehener Spezialist für die Wiederherstellung und die Verlängerung von Gliedmaßen. Überwiegend bei Kindern mit angeborenen Fehlbildungen ist es durch die von Weber entwickelten Operationstechniken möglich, Beine zu erhalten statt sie zu amputieren.

Eine Spezialität Webers ist es zum Beispiel, Kindern, die ohne Schienbein und Kniegelenk auf die Welt gekommen sind, dennoch gehfähige Beine zu konstruieren. Nach Angaben des Klinikums fanden insgesamt „jährlich 100 bis 150 Menschen aus dem In- und Ausland Hilfe” in dem von Weber geleiteten Zentrum für Gliedmaßenrekonstruktion und Gliedmaßenverlängerung am Uniklinikum.

„Aufgeopfert”

Dieses Zentrum war Anfang 2006 eingerichtet worden. Zuvor hatte Weber seine Operationen über zehn Jahre als Oberarzt der orthopädischen Klinik durchgeführt - bis er sich mit dessen Direktor, Professor Fritz-Uwe Niethard, überwarf. Niethard wurde dafür vom Vorstand des Klinikums sogar abgemahnt, sagte Weber am Mittwoch vor Gericht.

„Dann kam das Angebot von Herrn Saß (dem Vorstandsvorsitzenden), das Zentrum einzurichten.” Die ihm in Aussicht gestellte Ausstattung habe er aber nie bekommen, beklagt Weber, sein weniges Personal habe sich „aufgeopfert, um das Zentrum aufzubauen”.

Ende Januar nun wurde das Zentrum vom Klinikvorstand wieder aufgelöst. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die unbestritten erheblichen Kosten für die über zehn und mehr Jahre dauernden Behandlungen von den Fallpauschalen der Krankenkassen nicht gedeckt sind.

Weber behauptet allerdings, das Klinikum argumentiere mit überhöhten Zahlen. Jedenfalls ist Weber seither zurückversetzt als Oberarzt in die Klinik für Unfallchirurgie. Dort soll und könne er seine Behandlungen „auch an neuen Patienten fortsetzen”, bekräftigte ausdrücklich der Rechtsvertreter des Klinikums, Hermann Jennessen, vor Gericht.

Das aber passt Weber überhaupt nicht, und gegen diese Änderung seines Arbeitsvertrags klagt er. Delikaterweise ist er nun nämlich wieder Untergebener jenes Chefs, zu dem das „Verhältnis zerstört” ist: Niethard ist derzeit kommissarischer Leiter der Unfallchirurgie, und von dem will sich Weber nicht mehr reinreden lassen.

Aber auch Weber, für die Eltern der Wunderheiler, bietet Reibflächen und weiß sich vor allem eines massiven Protestpotenzials seiner Patienten sicher. Die ganze Angelegenheit war im Sommer vergangenen Jahres durch eine Briefkampagne an den Klinikumsvorstand wie an unsere Zeitung öffentlich gemacht worden. Und am Mittwoch waren, aus halb Deutschland, rund 120 Eltern und Kinder zum Gerichtstermin angereist. Sie bildeten vor dem auch nicht zufällig erschienenen Boulevardfernsehen eine imposante Kulisse, durch die Weber und sein Anwalt eigens noch mal den Gang zur Gerichtstür nachstellten.

Drinnen im Saal dann immer wieder jene drastischen Zwischenrufe wie „Dann können wir ja gleich amputieren lassen”, oder „Gliedmaßen ab oder zu Professor Weber”. Ob andere Kliniken aus Kosten- oder aus medizinischen Gründen Amputationen für besser halten, auch das kann das Arbeitsgericht nicht klären. Richterin Barbara Wülfing stellte aber Weber die naheliegende Frage, warum er denn das Klinikum nicht verlasse? Antwort: „Diese Behandlung könnte ich nur in einer Privatklinik machen, und dann könnten 70 Prozent meiner Patienten sie nicht mehr bezahlen.”

Nicht gütlich

Nach 20 Minuten war alles vorbei. Der ganze inszenierte Auftrieb galt nur einem sogenannten Gütetermin, bei denen das Gericht den streitenden Parteien die Möglichkeit gibt, sich noch zu einigen. Das hatten aber offensichtlich weder Weber noch die Klinikumsleitung im Sinn. Für eine nicht öffentliche Lösung war es wohl auch längst zu spät. So setzte die darauf vorbereitete Richterin unverzüglich den eigentlichen Prozesstermin auf den 11. Juni fest.

Dann muss auch Prof. Henning Saß, der Vorstandsvorsitzende des Uniklinikums, in Person erscheinen. Telefonisch bedauerte er gegenüber unserer Zeitung, „dass es diese unglückliche Entwicklung gibt. Wir werden alles daransetzen, dass diese Behandlungen in unserem Hause gewährleistet sind”. Das alles sei „ein schwieriger Einzelfall”.