1. Kultur

Am Theater Aachen Hebbels: Christina Rast inszeniert „Die Nibelungen“

Inszenierung von „Die Nibelungen“ am Hebbels : Die Mutter aller Fantasy-Schlachten

Christina Rast inszeniert am Theater Aachen Hebbels „Die Nibelungen“ als Geschichte eines gewaltigen Untergangs. Der Epos ist die Urmutter von „Game of Thrones“ oder „Herr der Ringe“.

Das Ringen um die Herrschaft mit Feuer und Schwert, scharfe Intrigen, Sex, Liebe und Hass, kraftvolle Helden und schöne Frauen – wer da nur an „Game of Thrones“, „Herr der Ringe“ und andere opulente Fantasy-Abenteuer denkt, vergisst die Ur-Story aller deutsch-mythologisch schillernden Geschichten: das Nibelungen-Epos.

Inspiriert vom germanischen Sagenschatz hat Friedrich Hebbel 1861 sein dreiteiliges deutsches Trauerspiel „Die Nibelungen“ in Weimar uraufgeführt. Für das Theater Aachen inszeniert jetzt Christina Rast (50) das inhaltschwere Stück, das am Samstag, 16. März, Premiere hat. „Die Welt der Nibelungen hat die Basis geschaffen für die Fantasy-Szenarien unserer Tage, die genauso blutig geblieben sind“, sagt sie. „Für das damalige Publikum war das Epos auf der Bühne ähnlich spannend, wie heute so eine Verfilmung im Fernsehen oder im Kino.“

„Eine starke Geschichte“

Zusammen mit ihrer Schwester, der Bühnenbildnerin Franziska Rast, die die Zuschauer unter anderem in einen deutschen Wald mit massiven Baumstämmen schickt, will sie die Geschichte eines gewaltigen Untergangs analysieren und skizzieren. „Der Rachefeldzug der betrogenen Kriemhild, Schwester des Burgunderkönigs Gunther, gipfelt in der kompletten Auslöschung des eigenen Burgunder-Clans, das ist eine starke Geschichte“, betont sie. Wo Hebbel zudem das Aufeinandertreffen von Götterwelt und Christentum thematisiert, ist Christina Rast stärker an den psychologischen Aspekten interessiert, mit denen Hebbel die Charaktere vor der „Folie der Mythen“ gestaltet.

Das pralle Stück um Verrat, Hinterlist, sexuelle Gewalt und nahezu unstillbare Rachsucht ist für sie besonders eins: ein gigantisches Beispiel menschlicher Fehlentscheidungen. „Das Epos räumt mit dem Epos auf, die sogenannten Helden und Heldinnen sind alles andere als heroisch, das Werk ist für mich ein Spiegel der Gesellschaft“, betont sie. „Da stecken alle sieben Todsünden drin, denn es geht um urmenschliche Konflikte.“

Im Zentrum stehen zwei starke Frauen: Kriemhild und Brünhild. „Frauenpower pur“, meint Stefanie Rösner, die die Kriemhild spielt. „Intrigen, Vertrauensbrüche und Kränkungen sorgen bei beiden für einen Riss in der Selbstwahrnehmung“, ergänzt Christina Rast. Brünhild, die schöne Herrscherin aus Island, die bisher jeden Mann besiegte, der um sie warb, muss sich König Gunther unterwerfen, der sie angeblich bändigen konnte – in Wirklichkeit war es Drachentöter Siegfried unter der Tarnkappe. „Sie kann ihren Sinnen nicht mehr trauen, das erschüttert ihr ganzes Wesen“, meint die Regisseurin. Als dann Siegfried erneut unsichtbar in Gunthers Ehebett einspringen muss – was gleichfalls mit heftiger Gewalt geschieht – ist die Irritation perfekt. Kriemhild, inzwischen Siegfrieds Gattin, verlockt ihren Mann zum Ausplaudern des „Arrangements“, das König Gunther von seinem Vasallen eingefordert hat. Das geht nicht gut. Die Demütigung, der Verrat aus eigenen familiären Kreisen, der dann auch noch zu Siegfrieds Ermordung führt, begründet Kriemhilds extremen Blutdurst.

Starke Frauenrollen

„Nur die Frauen haben sich in dieser Geschichte an ihre Versprechen gehalten, die Männer nicht“, konstatiert Christina Rast. „Die eine zieht ihre Rache durch, die andere unterwirft sich, obwohl sie die Stärkere ist.“ Für Stefanie Rösner (Kriemhild) und Melina Pyschny (Brünhild), beide neu im Ensemble, sind die beiden Frauenpersönlichkeiten eine gewichtige Erfahrung. „Wenn man bedenkt, wie langweilig der Wormser Hof ist, kann man sich gut vorstellen, wie Kriemhild aufblühte, als sie den heldenhaften Xantener Königssohn Siegfried sah“, meint Stefanie Rösner. „Da fühlt sie plötzlich ein Begehren, das sie vorher nicht kannte. Außerdem ist der Mann reich, er besitzt schließlich den Nibelungenhort. Umso schlimmer sind die Enttäuschungen, die zur Rache führen. “

Dass eine Frau Lust an Macht und Kraft ausleben kann, macht für Melina Pyschny die Gestalt der stolzen Brünhild aus. „Das ist ihre Lebensquelle, das strahlt sie aus, und das wird ihr genommen“, meint die Schauspielerin. Intuitiv spüre Brünhild Zweifel daran, dass dieser König Gunther von Burgund der „Ebenbürtige“ sein soll, den ihr eine Weissagung angekündigt hat. „Klar verweigert sie sich und wird durch die List der Männer gebrochen, das ist das Drama.“

In ihrer Inszenierung will Christina Rast den Mechanismus der Eskalation und die tödliche Kraft der Konsequenz aufzeigen, letztlich die Radikalität der Personen. „Wer mit einem Finger auf einen anderen zeigt, weist mit drei Fingern auch auf sich, das gilt für alle“, meint Stefanie Rösner. „Man kann dabei über die Unberechenbarkeit der Lebensrealität nachdenken. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind überall fließend. Selbst eine Figur wie Hagen ist ambivalent“, findet Regisseurin Rast.

Nibelungen, Nibelungentreue, Ritter und Vasallen, deutsches Heldentum – Stichworte, die von der nationalsozialistischen Propaganda begierig aufgegriffen wurden. Spielt das für die Regie in Aachen eine Rolle? „Die Nationalsozialisten haben sich in der gesamten Nibelungengeschichte gründlich bedient, das wollen wir subtil deutlich machen, aber es rückt nicht in den Vordergrund“, versichert die Regisseurin.