1. Kultur

Aachen: Am Anfang steht oft eine große Krise

Aachen : Am Anfang steht oft eine große Krise

Normalerweise ist es bei Premieren ja so: Erst gehen sie über die Bühne und wenig später folgt die Kritik. Anders stellte sich die Sache jetzt in der Aachener Klangbrücke dar. Dort gab es eine Premiere, in der die Kritik eine ganz zentrale Rolle spielte.

Sie sei nicht weniger als ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das Gelingen kultureller Großprojekte, so die Botschaft des Abends.

Erstmals wurden in Deutschland die Ergebnisse der Studie „Strukturwandel durch Kultur - Städte und Regionen im postindustriellen Wandel” vorgestellt. Auftraggeber war die Kulturabteilung der NRW-Staatskanzlei.

„Guckt mal weltweit, wo große Summen in Kulturprojekte investiert wurden”, formulierte Christoph Backes von „Creativ Business Consult”, ehemals Leiter des Gründerzentrums für Kulturwirtschaft in Aachen, den wenig bescheidenen Arbeitsauftrag, den seine Firma erhalten hatte.

Die Ergebnisse sind entsprechend umfangreich. Das Material füllt 43 Ordner, die Studie wird demnächst in Druck gehen. Bei der globalen Suche nach Kulturprojekten, in die groß investiert wurde, fanden Backes und seine Kollegen 52 Beispiele. Davon wurden sieben ausgewählt und genauer untersucht. Kriterium? „Was passt irgendwie auf NRW?”, sagte Backes.

So wurden beispielsweise in Nantes, Bilbao, Newcastle und Seattle Geldgeber und Kritiker von Kulturprojekten ebenso wie Taxifahrer interviewt. Die Ergebnisse sollten schließlich ein möglichst authentisches Bild der Städte geben, die erst seit relativ kurzer Zeit zu den ersten Adressen auf der kulturellen Landkarte gehören.

Kritiker ins Boot holen

Auffällig sei laut Backes, „dass fast alle untersuchten Beispiele mit einer Krise anfangen”. Meist hätte die ihren Ursprung im Wegbrechen alter Industrien. In Nantes war es in den 80er Jahren die Werftenkrise, die zum Umdenken zwang. 1989 kam in junger Bürgermeister neu ins Amt, der die „Kultur als Herz des Wandels” begriff, wie Backes es formulierte.

Ungewöhnlich: Auf diesem Kurs holte er auch seine schärfsten Kritiker mit ins Boot. Auch dem Projekt „Machines de I´lles” wurde mit großem Geschrei begegnet. Heute ist der charakteristische Hydraulik-Elefant ein Wahrzeichen der Stadt, das schon rund eine Millionen Besucher angezogen hat.

Das Kritik zum Erfolgsfaktor werden kann, zeigte sich auch in Newcastle. Gegen eine riesige Engelsfigur gab es große Widerstände. Backes: „Die Bürger sind Sturm gelaufen. Die sagten: Wir brauchen Jobs!” Mittlerweile ist der „Angle of the North” zur Identifikationsfigur der Stadt geworden.

Soll Kultur zum Motor eines Strukturwandels werden, braucht es auch Leuchttürme, so eine weitere zentrale Backes-Botschaft. Sei es ein Engel oder ein Hydraulik- Elefant.

Für Peter Landmann, Leiter der Kulturabteilung der Staatskanzlei NRW ist auch entscheidend, dass „Kulturpolitik im großen Stil betrieben werden muss.” Anders formuliert: Den Strukturwandel zu bewirken, ist eine sehr teure Angelegenheit.