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Aachen: Altmeisterliche Pracht wieder da

Aachen : Altmeisterliche Pracht wieder da

Ein Juwel strahlt wieder in altem Glanz: Das Gemälde „Christus mit dem Kreuz” des Rembrandt-Schülers Govaert Flinck, das eine schlimme Geschichte erleiden musste und jahrzehntelang heruntergekommen im Depot des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums schlummerte, wirkt heute wie neu.

Zwei Jahre lang hat Restauratorin Ulrike Villwock mit allen erdenklichen technischen Hilfsmitteln - Ultraschall, Infrarot-, UV-Licht, chemische Analyse, Mikroskopie, Röntgen, die Abteilung für radiologische Diagnostik am Klinikum, das RWTH-Institut für Umwelt- und Hygienetechnik - sowie ihrem klassischen Handwerk das wertvolle Gemälde von 1649 untersucht, bearbeitet und in den ursprünglichen Zustand versetzt.

Das prächtige Ergebnis ist ab Mittwoch (Eröffnung: 18.30 Uhr) bis zum 2. Dezember in einer Ausstellung zu besichtigen, die mit großen informativen Tafeln die Restaurierungsarbeit in allen einzelnen Schritten dokumentiert.

Dazu ist ein 24-seitiges Katalogheft (5 Euro) mit einer umfassenden kunsthistorischen Analyse, einer Biografie des Künstlers und einem Dossier der Restauratorin erschienen.

Großzügige „Paten”

Die Maßnahme ist Teil des 2005 von Museumsdirektor Peter van den Brink initiierten Konservierungs- und Restaurierungsprojekts „100 Meisterwerke”, bei dem „Paten” für die Einzelwerke die jeweilige Finanzierung übernehmen. Bei Govaert Flincks „Christus mit dem Kreuz” waren es der Münchner Kunsthandel Bernheimer und die Londoner Galerie Johnny Van Haeften, die den neuen Zierrahmen spendete.

Die Schüler Rembrandts standen in der Kunstgeschichte viel zu lange zu Unrecht im Schatten ihres Meisters - so lässt sich Peter van den Brinks Einordnung und Rangbestimmung des 1615 in Kleve am Niederrhein geborenen Govaert Flinck zusammenfassen.

Ein bis zwei Jahre lang arbeitete er in der Amsterdamer Werkstatt Rembrandts, um am Ende der 1630er Jahre selbst als dessen Konkurrent aufzusteigen und ihn schließlich ab den 40ern mit einem Stil à la van Dyck in der Gunst des Publikums zu überflügeln. Van den Brink: „Nicht ohne Grund wurde das Bild lange Zeit van Dyck zugeschrieben.”

Während der Auslagerungszeit in der Meißener Albrechtsburg im Zweiten Weltkrieg begann der Verfall: Der Schimmel setzte dem Werk dermaßen zu, dass man sich Anfang der Fünfziger in Dresden offenbar dazu entschloss, die Leinwand komplett zu entfernen und zu ersetzen - mit dem Ergebnis weiterer Schäden für die Farbschichten, berichtet Ulrike Villwock. (Das Bild kehrte 1961 nach Aachen zurück.)

In mühseliger Kleinarbeit entfernte sie zuerst den vergilbten Firnis und dann den von offensichtlich nicht so sachverständigen „Vorgängern” aufgebrachten Kitt. Schließlich musste ein Viertel bis ein Fünftel der Farbe hinzugefügt werden. Die 1923 angefertigte Kopie eines Aachener Bürgers, die ein Leser unserer Zeitung nach einem Bericht über das Projekt „100 Meisterwerke” dem Museum auslieh, half dabei, den ursprünglichen Zustand des Bildes beurteilen zu können.

Zwei weitere Werke Govaert Flincks, das Bildnis einer jungen Dame und die Bruststudie eines alten Mannes, warten nun im Suermondt-Ludwig-Museum ihrerseits auf „Paten”.