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Aachen: Alternative heißt noch oft: Karriere oder Kind

Aachen : Alternative heißt noch oft: Karriere oder Kind

„Da bin ich resistent”, kommentierte Dr. Myrjam Winning die Bedenken, ein Interview kurz vor ihrem Vortrag könnte zu viel Konzentration kosten.

Die 34-Jährige Wissenschaftlerin referiert häufig über ihre Forschungsergebnisse, meistens auf Englisch, da ist ein Vortrag bei der Eröffnungsveranstaltung der Physikerinnen-Tagung in Aachen für sie nicht so aufregend. Zumal hier die Redezeit nicht mit der Stoppuhr begrenzt würde, wie bei vielen wissenschaftlichen Meetings.

Die Ehre, nach Begrüßungsworten und dem Thema Chancengleichheit, vor zahlreichen Kolleginnen aus ganz Deutschland den ersten Fachvortrag halten zu dürfen, brachte Dr. Myrjam Winning der „Hertha-Sponer-Preis” ein, den sie im Frühjahr erhalten hat.

Spannung dosieren

Damit zeichnet die „Deutsche Physikalische Gesellschaft” seit 2002 jährlich „eine Nachwuchswissenschaftlerin für eine hervorragende wissenschaftliche Arbeit im Bereich der Physik” aus. In diesem Fall erntete die Arbeit über die Beeinflussung von Korngrenzen durch mechanische Kräfte die Anerkennung der Fachkollegen.

Dr. Myrjam Winning arbeitet zur Zeit am Institut für „Allgemeine Metallkunde und Metallphysik” an der RWTH Aachen, wo sie nach dem Physikstudium promovierte und gerade ihre Habilitierung vorbereitet. Hier untersucht sie, wie mechanische Spannungen, also Zug- oder Druckkräfte, den kristallinen Aufbau von Metallen beeinflussen können. Sie wies nach, dass die für die Umformung erforderliche Erwärmung die Korngrenzen wandern und die Körner größer werden lässt, was sich negativ auf die Festigkeit des Werkstoffs auswirkt. Eine wohldosierte Spannung kann das Wachstum aber verlangsamen. Unterstützt wird die Arbeit der jungen Wissenschaftlerin von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Was ihre beruflichen Ziele angeht, hat Mirjam Winning klare Vorstellungen und wenig Illusionen. Mit Abschluss ihrer Habilitation will sie sich um eine Professorenstelle bewerben: „Es wird schon schwer genug werden für meinen Mann dann in angemessener Entfernung auch eine Anstellung zu finden. Aber das Thema Kinder wäre spätestens mit einer Berufung vom Tisch.” Mit dieser Einschätzung liegt sie voll im Trend.

Fachliche Anerkennung

Ihre Vorrednerin bei der Eröffnung, Professorin Petra Rudolf aus Groningen, wies darauf hin, dass 40 Prozent der Akademikerinnen keine Kinder haben, bei den Physikerinnen sind es sogar 53 Prozent. Von den 1500 Physikdozenten in Deutschland sind gerade fünf Prozent weiblich. Neben den Klippen, als Frau die gleiche fachliche Anerkennung und Förderung zu bekommen wie männliche Kollegen, machten unflexible Arbeitszeiten, mangelnde Angebote der Kinderbetreuung und zu wenig Toleranz für Auszeiten nach einer Geburt im Lebenslauf die wissenschaftliche Karriere von Frauen schwer und von Müttern nahezu unmöglich.

Die jährliche Tagung der Physikerinnen, die erstmals in Aachen unter Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen der RWTH und dem Forschungszentrum Jülich ausgerichtet und von der Gleichstellungsstelle der TH organisatorisch unterstützt wurde, will aber mehr, als auf Benachteiligungen aufmerksam machen. Drei Tage lang besichtigten die 150 Teilnehmerinnen Labore, hörten Fachvorträge, besuchten eine Posterausstellung und knüpften an dem Netzwerk, das für alle ambitionierte Absolventinnen unverzichtbar ist.