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Aachen/Düren: Als sie helfen wollte, wurde sie selbst fast zum Opfer

Aachen/Düren : Als sie helfen wollte, wurde sie selbst fast zum Opfer

Familientragödie vor dem Aachener Schwurgericht: Als Jasemin A. (19) einfühlsam vom Vorsitzenden Richter befragt wird, bricht sie sofort in Tränen aus.

Ihr Bruder, der 21-jährige Serkan A., sitzt auf der Anklagebank, er kann sie nicht sehen, weil er durch eine bewegliche Wand abgeschirmt wird - denn die Schwester hat noch heute Angst vor ihrem Bruder.

twa eine Stunde vorher hatte der 21-Jährige ohne Umschweife gestanden, am 3. Oktober 2007 seine Mutter in der elterlichen Wohnung mit etwa 30 Messerstichen getötet und gleichzeitig die Schwester mit etwa zwölf Stichen niedergestreckt zu haben.

Das tat er laut Staatsanwaltschaft im Zustand der Schuldunfähigkeit. Stimmen hätten ihm gesagt, meinte er in seiner Aussage, er solle die Mutter töten. Warum das so war, das wisse er auch nicht so genau, sagte er Richter Gerd Nohl.

Seit Ende 2007 ist er in der forensischen Psychiatrie untergebracht, nachdem er einen Wärter der JVA mit Messer und Gabel angriff und verletzte. Erst da wurde seine desolate psychische Verfassung ernstgenommen, psychiatrische Gutachter hatten ihm zuvor die Haftfähigkeit bescheinigt. In der Klinik stellte man eine Psychose fest, die nach längerem Drogenmissbrauch aufgetreten sei.

Jasemin A. wusste, „dass er Drogen nahm und viel trank. Doch keiner wollte mir glauben”. Am Tag der Tat habe er sich in seinem Zimmer eingeschlossen und laut Musik gehört, darüber gab es Streit.

Er bekam von der Mutter Geld und setzte dies in Amphetamine und Wodka um. Serkan A. sagte aus, sich bis zu zwei Flaschen am Tag gekauft zu haben. An jenem 3. Oktober nun war zuerst alles normal. Ihre Mutter und sie, „wir wollten putzen”, schluchzte die Zeugin im Saal. Er war wohl zunächst Zigaretten kaufen, dann, am Mittag, kam das Grauen.

„Ich hörte Schreie aus der Küche. Ich sah aus dem Flur, dass er von hinten auf Mutter einstach.” Die schleppte sich nach draußen zu Nachbarn in den Flur. Sie schrie: „Hör´ auf, Bruder!” Da stach er auf Jasemin ein, zunächst in den Hals, dann in den Körper. Sie schleppte sich in ihr Zimmer, stellte sich tot und überlebte so.

Der Vater, 43, ein Montagearbeiter, sagte nach seiner Tochter aus: „Ich habe meine Frau verloren und ich mache mir Vorwürfe, vielleicht habe ich als Vater versagt.” Doch er habe versucht, sich wegen der Drogen bei Behörden Hilfe zu holen, aber nichts passierte. Sein Sohn sei kein schlechter Mensch, er stehe zu ihm, beteuerte der Vater. Jasemin saß dagegen noch angsterfüllt im Saal, sie verzeiht ihrem Bruder nicht: „Er hat mir die Mutter genommen.”