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Aachen: Als ob ein gotischer Bogen seinen Schlussstein bekommt

Aachen : Als ob ein gotischer Bogen seinen Schlussstein bekommt

Aachens Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch scheut sich nicht, nach Superlativen zu greifen: Eine „Sensation” kündigt er für die nächste Bruckner-Einspielung am Pfingstmontag (28. Mai, 11 Uhr) an.

An diesem Tag setzt er die von ihm ins Leben gerufenen Konzerttradition in der Aachener Kirche St. Nikolaus mit einer absoluten Seltenheit fort: Bruckners Neunte und letzte Sinfonie, die unvollendet geblieben ist - Bruckner starb über der Arbeit -, wird hier zum ersten Mal in Deutschland in der kompletten, von internationalen Musikwissenschaftlern rekonstruierten Fassung des vierten Satzes zu hören sein und zugleich weltweit erstmals auf CD eingespielt.

Musikdramaturg Kai Wessler erläutert den Hintergrund: Die Planung des Pfingskonzerts war bereits im Gange, da erfuhr die Musikdirektion in Aachen von der revidierten, „ultimativen” Neu-Ausgabe des Finales der Sinfonie durch die italienischen Komponisten Nicola Samale und Giuseppe Mazzuca sowie den Musikwissenschaftlern Benjamin Gunnar Cohrs und John Phillips.

Ihre Version, akribisch rekonstruiert aus Skizzen und Fragmenten des Komponisten, ersetzt ältere, gleichfalls fragmentarich gebliebene Komplettierungsversuche der Sinfonie. Auch Instrumentation, Phrasierung, Artikulation, Dynamik und Tempi wurde nochmals revidiert.

Die Musikforscher sind nun sicher, dass 569 der 665 Takte der Partitur von Bruckner selbst stammen. „Damit ist der Bruckners Eigenanteil höher als bei Mozarts Requiem”, das gleichfalls unollendet geblieben ist., so Bosch. Die Uraufführung der revidierten Neunten fand im Oktober 2006 mit dem Thessaloniki State Symphony Orchestra unter der Leitung von Karolos Trikolidis in Thessaloniki statt.

Marcus R. Bosch und das Sinfonieorchester packten die Gelegenheit beim Schopfe - das hiesige Publikum kann sich auf eine deutsche Erstaufführung freuen, die es in sich hat. Wessler vergleicht das Werk mit einem gotischen Bogen, dem bislang der Schlussstein fehlte und nun eingefügt werden konnte. „Bruckner widmete die Sinfonie dem lieben Gott, sie sollte die Summe seines ganzen Schaffens darstellen.” Die CD-Einspielung in St. Nikolaus wird wiederum von unserer Zeitung unterstützt.

Auf ein rundes Dutzend Alben kann das Sinfonieorchester Aachen unter Bosch bereits voller Stolz zurückblicken, wird ihr Erscheinen doch weltweit mit größter Aufmerksamkeit beachtet, wie der GMD aus eigener Erfahrung weiß. Ob Bruckners Fünfte, Theodorakis´ Rhapsody für Violoncello und Orchester oder Brahms´ Erste und Vierte - sie ist preisgekrönt mit dem Super Sonic Award -, die internationale Kritik lobt die Einspielungen in höchsten Tönen. Den größte Publikumserfolg erzielte dabei die Theodorakis-CD.

Die CDs des Sinfonieorchesters Aachen sind im Handel sowie an der Theaterkasse erhältlich.