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Aachen: Alleinsein wird nur als Übergang akzeptiert

Aachen : Alleinsein wird nur als Übergang akzeptiert

Das 30. Westdeutsches Psychotherapieseminar im Aachener Eurogress hat das Thema „Partnerschaft zwischen Abhängigkeit und Autonomie” und beschäftigt sich mit den möglichen Konfliktpotenzialen im Zusammenleben von Paaren.

Das brasilianische Fotomodell Gisèle Bündchen, so war unlängst zu erfahren, möchte in einer glücklichen Ehe leben. Ob Freund und Schauspieler Leonardo DiCaprio allerdings der Richtige ist... ? Ihre Beziehung sei eine Aneinanderreihung von Trennungen und Versöhnungen, ein Hickhack, nichts Ganzes und nichts Halbes. Meldungen wie diese vernimmt man fast täglich - nicht nur aus Hollywood. Gibt es überhaupt so etwas wie die ideale Partnerschaft? Und wie sieht sie aus? Ist das Zusammenleben von Paaren wirklich so schwierig?
„Harmonie pur auf Dauer langweilig”
„Eine Partnerschaft, in der es keine Reibungen und keine Entwicklung mehr gibt, ist zum Stillstand gekommen”, sagt die Allgemeinmedizinerin Professor Waltraut Kruse. „Harmonie pur ist auf Dauer doch auch langweilig.”

Inwieweit Menschen Interesse an langfristigen Partnerschaften zeigten, inwieweit sie sich das Leben in einer Beziehung zutrauten und danach strebten, Krisen in der Partnerschaft konstruktiv zu lösen, hänge auch stark von den Lebensstilen der Gesellschaft ab. Die von Soziologen beschriebene gesellschaftliche Tendenz zur Singularisierung spiegele ein Leitbild von Beziehungen wider, das sich auf das Leben einer Partnerschaft auswirke.

„Es ist wohl so, dass die stetig wachsende Anzahl von Ehescheidungen auch mit einer wachsenden Tendenz zur Individualisierung zusammenhängt. Menschen verfügen nicht mehr in dem Maße über Konfliktbereitschaft und Bewältigungspotenziale, die für eine Partnerschaft unerlässliche Voraussetzungen darstellen”, erklärt Kruse, Initiatorin und Organisatorin des bundesweit renommierten Westdeutschen Psychotherapieseminars. Vom 18. bis zum 20. Februar steht die 30. Auflage des Seminars im Aachener Eurogress unter dem Titel „Partnerschaft zwischen Abhängigkeit und Autonomie” auf dem Programm.

Identität entwickeln

Eine Partnerschaft könne erst gelingen, wenn beide Partner ihre Identität entwickelt hätten. „Intimität setzt Identität voraus”, so Kruse. Und: „Nur wer allein sein kann, kann zu zweit sein.” Es sei wichtig, bei der Erörterung des Themas „Partnerschaft” deren entwicklungspsychologische Voraussetzungen zu skizzieren und darzulegen, inwieweit eine gestörte Identität dazu führen könne, dass eine Partnerschaft nicht gelingt. „Identität wie Intimität unterliegen in unserem Lebenslauf einem ständigen Wandel.”

„Auch wieder andere Zeiten”

Skepsis ist indes nicht Kruses Sache. „Natürlich gehen heutzutage viele Beziehungen in die Brüche und werden Ehen geschieden, doch es werden auch wieder andere Zeiten kommen.” Befragungen zeigen, dass 90 Prozent der jungen Erwachsenen durchaus eine feste Partnerschaft anstreben. Von den 400.000 jährlich in Deutschland geschlossenen Ehen werden allerdings 200.000 geschieden. Und die Tatsache, dass ein Drittel aller Frauen in Deutschland kinderlos bleibt, hat laut einer Forsa-Umfrage den simplen Grund, dass sie keinen geeigneten Partner für eine Familie gefunden haben.

Für Waltraut Kruse steht fest: „Immer mehr erkennen die Menschen, dass sie einen Partner benötigen. Das heißt nicht nur, dass man einen anderen braucht, sondern dass man gebraucht werden will. Es gibt eine neue Sehnsucht nach Bindung, nach Nähe, nach stabiler Partnerschaft. Das Alleinsein akzeptieren wir nur als Übergangsform.”