„All das Schöne“ mit Alexander Wanat im Aachener Mörgens

Tapferes Leben im Zeitraffer : „All das Schöne“ im Aachener Mörgens

Wie ein Schauspieler nicht nur einen Raum mit seiner Persönlichkeit und den Gedanken eines Autors ausfüllt, sondern ein Publikum ab der ersten Textzeile für sich gewinnt, zeigt Alexander Wanat bei einem darstellerischen Kraftakt im Mörgens des Aachener Theaters.

„All das Schöne“, das Solostück des Briten Duncan Macmillan (Jahrgang 1980), ist ein Werk, das man nicht einfach als Text vorträgt – es muss gelebt werden, und zwar gemeinsam mit den Zuschauern.

In der Inszenierung von Lilli-Hannah Hoepner, die in der Atmosphäre einer Studiobühne Premiere hatte, wirkt alles natürlich. Völlig unkompliziert baut Wanat sofort eine Partnerschaft zu den Menschen auf, die ihn umgeben, verteilt Vinylschallplatten mit Nummern und Worten, schaut sich nie lange um, wenn er jemanden sucht, der für einen Moment einen Part übernimmt. Ein freundlicher Mann ist plötzlich „Tierarzt“, eine hübsche junge Frau „Manu“, große Liebe und spätere Ehefrau, ein anderer Zuschauer der Papa, eine nette Brillenträgerin die Schulpsychologin.

Wanat und Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner gelingt ein atemberaubender Spannungsbogen vor tragischem Hintergrund: Die Mutter des zunächst Siebenjährigen ist depressiv, sie unternimmt mehrere Suizidversuche. Der Junge will etwas tun und schreibt eine Liste, auf der „All das Schöne“ steht, für das es sich zu leben lohnt, erreicht damit aber die Mutter nicht. Ihn wird es stützen.

Und dieses „Schöne“ ruft Wanat bei seinen Gästen ab, die nun verstehen, was sie in den Händen halten – Teile der magischen Liste. Jeder passt gut auf, damit er den Einsatz nicht verpasst. So hat Wanat fast 100 Minuten lang die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer. Die Kinderpsyche wird vom Kummer gequält, vom hilflosen Wunsch, die Mutter davon zu überzeugen, dass das Leben lebenswert ist. Dumpf bleibt im Untergrund ein diffuses irrationales Schuldgefühl.

Komische Situationen gibt es aber auch, es wird gelacht, das Funkeln beim Flirt mit der Studienkollegin ist rührend, die stumme Liebe zwischen Vater und Sohn gleichfalls. Und immer wieder die nummerierten Worte und Wünsche. Wanat wirbelt über die von Dorien Thomson praktisch mit grauen Klötzen gestaltete Bühne, lebt im Zeitraffer ein verletztes, tapferes Leben und wirkt dabei völlig locker. Das ist eine bemerkenswerte Leistung. Jeder Abend wird anders sein. Diesmal singt er zum Abschluss Bob Dylans Titel „Don‘t think twice, it’s all right“, Wahl des Publikums, es könnte beim nächsten Mal ein anderer Song sein.

Mehr von Aachener Zeitung