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Aachen: Alfred Grosser beim Neujahrskonzert in Aachen

Aachen : Alfred Grosser beim Neujahrskonzert in Aachen

Dem klugen Prinzip, den Blick nach vorne zu richten, ohne Traditionen und Wurzeln zu vergessen, blieb Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch auch bei seiner Werkwahl zum Neujahrs-Sonderkonzert treu.

Mit Beethovens 9. Symphonie in der Kombination mit einem kritischen „Zwischenruf” des Politikwissenschaftlers und Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Alfred Grosser begrüßte das Sinfonie Orchester sein Aachener Publikum im voll besetzten Stadttheater anno 2003.

Friedrich Schillers „Ode an die Freude” beschäftigte Ludwig van Beethoven schon seit seinen Bonner Lehrjahren. Freiheitliches Gedankengut über die Selbstfindung im humanistischen Friedenswillen prägten durchgängig seine Werke.

Der Publizist Alfred Grosser nahm sich am Neujahrstag der Aufgabe an, Beethovens genialer Melodienweisheit einen Weg in unsere Gegenwart zu bahnen.

Mehr als nur ein Intermezzo zwischen den Sätzen

Es war mehr als ein Intermezzo zwischen dem 3. und 4. Satz der Symphonie, das der „geistig mit dem Christentum verbundene, jüdisch geborene Atheist” in frei gesprochenem Monolog an das Publikum weitergab: „Alle Menschen werden Brüder?” - Gedanken mit aktueller Nähe, weiser Lebenserfahrung und kritischer Differenzierung zu den Kern-Themen des Abends, „Freude” und „Freundschaft”.

Grosser ging dabei nicht zimperlich mit den Realitäten um: Freundschaften, die nur funktionieren, wenn die Umstände stimmen, haben das Wesen einer Freundschaft nicht erkannt. Nur das Leiden des anderen, die schweren Stunden, führen zur Brüderlichkeit.

Die Silvesterfreude von „Brüderlein und Schwesterlein” ist keine echte Freude in Zeiten von 14 Bürgerkriegen in unserer Welt, von Aids, Massenmord in Tschetschenien und Asylbewerbern, denen wir keine Antworten geben.

Nur eine schaffende Freude, die „unentbehrliche Freude, um vorwärts zu kommen”, birgt Ehrlichkeit und Zukunft im Sinne der Gedanken Schillers und der Musik Beethovens.

Im beeindruckenden musikalischen Rahmen zu diesen realistischen Worten schien die Problematik der Akustik im Theater fast zum Programm zu gehören: Im trockenen Gesamtklang des Raumes konnte keine Ungenauigkeit versteckt, keine Schwingung plakativ ausgenutzt werden.

Marcus R. Bosch war sich dieser Situation sicher bewusst und verzichtete deshalb auf effektheischendes Pathos, extreme Tempi und gefährliche Dynamikspielereien - es gab „Beethoven pur” zu hören.

Der Strich der Geiger rührte nicht nur an beim An- und Abschwellen der großen Bögen im Adagio, die dialogartigen Melodienspiele der Bläser im 2. Satz gelangen leicht und fast wie selbstverständlich, der schlichte Unisono-Einsatz der Kontrabässe mit dem ruhigen „Freude schöner Götterfunken”-Thema bildete eine melodiöse Antwort auf Alfred Grossers „Zwischenruf”.

Trotz des derzeitigen Arbeitspensums wirkte die Spielweise des Sinfonie Orchesters erfrischend rund und einsatzfreudig.

Der sicher präparierte Opernchor und der Chor der vocapella nutzten die Chancen ihres bekannten Parts mit homogenem Klang und sauberer Tongebung.

Der stimmgewaltige Jaroslaw Sielicki, Michael Ende mit flexiblem Tenor, eine zuverlässige Judith Berning in der Altpartie und die jubelnden Höhen der Lisa Graf gaben dem Finale die gebührende Festlichkeit.

Ein Abend mit guten Wünschen und einem guten Omen für das neue Jahr, mit weisen Denkhilfen und klaren Richtlinien - und mit Standing Ovations als Dankeschön für einen wirklichkeitsnahen und ehrlichen Beethoven!