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Aachen: Akkordeonspieler Didier Laloy: „Im Dunkeln gibt es nur die Musik“

Aachen : Akkordeonspieler Didier Laloy: „Im Dunkeln gibt es nur die Musik“

Für Achluophobiker sind Konzerte von Didier Laloy wohl nichts. Achluophobiker haben Angst vor der Dunkelheit, in der sich Laloy allerdings sehr wohl fühlt. Der Akkordeonspieler gastiert mit seinem Programm „Noir“ („Schwarz“) im Rahmen des „across the boarders“-Festivals in Aachen.

Es ist die erste Aufführung des Stücks außerhalb von Belgien, der Heimat des Künstlers. Wobei Aachen ja direkt an der Grenze liegt, und man das Land ja nicht so richtig verlässt, wie Laloy im Interview mit unserer Zeitung sagt. Verständigungsprobleme fürchtet er nicht. Er spricht nicht viel, denn es geht ihm um die Musik, deshalb spielt er im Dunkeln.

Herr Laloy, Sie spielen im Dunkeln. Und dann müssen sich die Besucher Ihres Konzerts auch noch hinlegen. Warum?

Laloy: Das Programm heißt „Noir“. Die Idee dahinter ist, eine Art Wohnzimmeratmosphäre zu kreieren. Ich persönlich kann Musik besonders genießen, wenn es dunkel ist. Wenn meine Kinder im Bett sind, lege ich mich abends gern mit meiner Frau aufs Sofa und höre mit ihr zusammen eine CD. Diese Erfahrung wollte ich mit dem Publikum teilen. Es gibt Kissen bei den Konzerten, die Menschen können sitzen oder liegen. Aber wir stellen auch am Rand Stühle auf — für die Besucher, die sich auf gar keinen Fall hinsetzen wollen.

Gibt es die?

Laloy: Bei jedem Konzert gibt es Menschen, die nicht mitmachen wollen. Die vielleicht auch nicht wissen, was sie erwartet. Tatsächlich haben einige Menschen Angst.

Angst?

Laloy: Ja. Ursprünglich haben die Konzerte schon im Dunkeln begonnen. Darüber haben wir auch mit dem Publikum diskutiert und einige erzählten, dass sie sich damit nicht wohl fühlten. Dann haben wir das Konzept etwas umgestellt. Es beginnt nun im Hellen und das Licht wird Stück für Stück heruntergedimmt. Irgendwo im Saal gibt es ein ganz kleines Licht, wie in Kinderzimmern.

Das soll Menschen beruhigen, die Angst haben. Wenn es ganz stockdunkel ist, haben Leute begonnen, ihre Handys anzumachen, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Und das mag ich überhaupt nicht. Man muss sich darauf einlassen, dass es wirklich stockdunkel ist und man nichts sieht. Es gibt nur die Musik. Ich bitte das Publikum auch, nicht zu applaudieren während der 90 Minuten.

Ich stelle mir das sehr meditativ vor.

Laloy: Für manche Menschen ist es das. Das war allerdings nicht mein primäres Ziel, aber es ist ok. Mein Ziel ist, dass alle maximal von der Musik zu profitieren.

Ist denn jemals jemand im Publikum eingeschlafen?

Laloy: Zu Beginn des Konzerts sage ich den Leuten, dass sie einschlafen dürfen. Und auch: Sollte Ihr Nachbar schnarchen, wecken Sie ihn auf! (lacht) Aber tatsächlich schlafen Leute bei den Konzerten ein.

Und das stört Sie nicht?

Laloy: Nein. Die Menschen werden es sicher auch genießen zu schlafen.

Ein Künstler will ja eigentlich gesehen oder zumindest gehört werden. Ihr Publikum sieht Sie nicht, und wenn es Sie nicht hört, stört Sie das auch nicht. Fehlt Ihnen eine Portion Egozentrik?

Laloy: Das ist eine große Frage. Natürlich wollen Künstler gehört und gesehen werden. Da gibt es einen egozentrischen Aspekt, natürlich. Ich bin nun schon über 40 Jahre alt, vielleicht bin ich reifer geworden. Sehr geprägt hat mich ein Spruch eines Bekannten. Der sagte: „Heute Abend gucke ich mir die Band X an.“ Gucke, nicht höre! Deshalb möchte ich den Fokus auf das Hören legen.

Und wie würden Sie beschreiben, was Ihr Publikum zu hören bekommt?

Laloy: Die Wurzeln liegen in der Weltmusik. Die anderen drei Musiker, die das Programm mit mir gestalten, und ich haben zudem ganz unterschiedliche Einflüsse. Es ist eine zugängliche Musik, weshalb ich gern Kammermusik sage, aber wir haben auch Rock-Elemente, weil die Stücke grooven.

Hätten Sie gedacht, dass Sie Erfolg als Akkordeonspieler haben würden?

Laloy: Erfolg ist relativ. In einem bestimmten Milieu bin ich vielleicht bekannt. Ursprünglich wollte ich im Finanzbereich arbeiten. Meine Eltern waren erstaunt und enttäuscht, als ich mich dazu entschloss, mich voll auf das Akkordeonspielen zu konzentrieren. Es ist schließlich ein altmodisches Instrument. Gerade deshalb hätte ich niemals erwartet, so viel zu erreichen und zu erleben.

Sie haben in Alter von 13 Jahren angefangen, Akkordeon zu spielen. Unter Teenagern gilt das Instrument nicht unbedingt als Inbegriff von Coolness. Meist hört man in dem Alter eher auf, ein Instrument zu spielen. Was ist da bei Ihnen falsch gelaufen?

Laloy: Ich habe ursprünglich Klavier gespielt und tatsächlich damit aufgehört, als ich zehn war. Es hat mir keinen Spaß gemacht. Aber als ich mit 13 in Brüssel bei einem Straßenfest eine Akkordeonspielerin sah und Menschen, die um sie herum tanzten, war ich fasziniert. Meine Eltern sahen meine Begeisterung und schenkten mir ein Akkordeon. Sehr schnell wurde ich als Akkordeonspieler geschätzt, in einem bestimmten Milieu. Ich war damals eher schüchtern und verschlossen. Es hat mir gefallen, dass sich plötzlich eine neue Welt, eine Erwachsenenwelt für mich öffnete. Das hat mir den Antrieb gegeben weiterzumachen.

Und es hat Sie nicht gestört, dass Gleichaltrige das jetzt nicht so spannend fanden?

Laloy: Ich habe sicher einige Dinge verpasst, die Teenager üblicherweise machen. Ich war etwa nie in einer Diskothek und bin auch nie mit Freunden ausgegangen. Ich bin sehr früh erwachsen und verantwortungsvoll geworden.

Bereuen Sie das?

Laloy: Jetzt reden wir beide eher philosophisch als über Musik . . . Ich denke, dass ich etwas verpasst habe. Ich habe die Leichtigkeit der Kindheit nicht richtig gekannt. Heute noch nehme ich die Dinge sehr ernst. Dabei sollte ich manchmal einfach etwas Abstand gewinnen und alles leichter nehmen.

Würden Sie sagen, dass das Akkordeon mehr als nur ein Arbeitsgerät ist?

Laloy: Oh ja. Es hat meinem Leben eine bestimmte Richtung gegeben. Das Akkordeon hat mir viel Wunderbares beschert: Durch das Instrument habe ich einen Beruf. Dank des Instruments konnte ich die Welt bereisen. Ich habe meine erste Liebe kennengelernt und auch meine zweite, die nun meine Frau ist.