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Aachen: Adam C. Oellers: Neumodische Trends stechen ihm ins Auge

Aachen : Adam C. Oellers: Neumodische Trends stechen ihm ins Auge

Der Mann trägt eine Gasmaske vor dem Hals und ist im Begriff sie aufzusetzen — im „Selbstporträt mit Gasmaske“ von Barthel Gilles, entstanden zwischen 1929 und 1930. Angesichts des Gemäldes lacht das Herz des Adam C. Oellers, und das ist seinem Gesicht auch deutlich abzulesen.

Der stellvertretende Direktor der Aachener Museen, der mit 65 Jahren soeben in den Ruhestand verabschiedet worden ist, freut sich noch heute über den einzigartigen Clou, der ihm in 35 Jahren am Aachener Suermondt-Ludwig-Museum 1982 gelungen war: Für den Spottpreis von 4000 Mark aus dem städtischen Ankaufsetat erstand er damals ein Hauptwerk dieses rheinischen, politisch ambitionierten Künstlers. Oellers: „Heute ist es das Zigfache wert.“ Sprich: für ein mittelständisches Museum utopisch viel. Unglaublich, wo er das Bild aufgetrieben hatte: „Im Nachlass einer Gasmasken-Fabrik!“ Das Bild „Ruhrkampf/Barrikade“ von Gilles sicherte er seinem Museum 1984 auch für wenig Geld: Gerade mal 23.000 Mark musste die Stadt dafür ausgeben. Das waren noch Zeiten, als Aachener Museumsmitarbeiter wie Kunstdetektive unterwegs waren, um solche Schätzchen aufzuspüren...

Schöne Erinnerungen keimen auf in dem promovierten Kunsthistoriker, wenn er sich in seinem Lieblingsraum umsieht — in seinem Museum, in dem er seit 1979 drei Direktoren mit ihren unterschiedlichen Konzepten miterlebt hat: im Raum der Moderne. Hier sind sie alle versammelt, denen er von früher Jugend an sein Herz geschenkt hat, die seine Liebe zur Kunst überhaupt erweckt haben: der Aachener Heinrich Maria Davringhausen, Rudolf Levy, Max Pechstein, Hanns Bolz — auch ein Aachener, und wie sie alle heißen.

Die Klassische Moderne, zumal die der rheinischen Spielart — sie sind von jeher die Leidenschaft des gebürtigen Linzers, der selbst aus einer Künstlerfamilie stammt. Vater Günther Oellers, der vor drei Jahren gestorben ist, war Bildhauer; die Mutter, 91 Jahre alt, ist Malerin.

Im Elternhaus, das zu Adams Kinder- und Jugendzeit wie ein Salon des 19. Jahrhunderts ein Anziehungs- und Treffpunkt für zahlreiche Intellektuelle, Schriftsteller, Politiker, Architekten, Juristen und Künstler war, gingen dort ein und aus: Joseph Beuys und Heinrich Böll, Helmut Kohl, Roman Herzog, Friedrich von Weizsäcker. Eine prägende Zeit für den heranwachsenden Sohn der Oellers, der früh die Affinität zur Kunst in sich spürte — „aber mehr der theoretischen Art“, sagt er heute schmunzelnd.

Die Zahl seiner Veröffentlichungen ist lang und beginnt mit einer Abhandlung zum Thema „Karikatur und Sozialkritik bei George Grosz“ im Jahr 1972. Sein „Handbuch Museum Ludwig — Kunst des 20. Jahrhunderts“ schrieb er während seiner beiden Jahre am damals noch gemeinsamen Wallraf-Richartz-Museum/Museum Ludwig in Köln, ehe er sich 1979 erfolgreich für den Posten eines Kustos am Aachener Suermondt-Ludwig-Museum bewarb.

Die Klassische Moderne, die rheinische Kunst mit ihrer Düsseldorfer Schule, die Expressionisten, Joseph Beuys und der Fluxus, zumal dessen Aachener Pionierjahre — sie standen in Aufsätzen, Büchern und Ausstellungen und im Aufbau der Sammlung im „Suermondt“ im beruflichen Zentrum des Dr. Oellers. Und nicht nur das: Viele freundschaftliche Kontakte zu den jeweiligen Protagonisten existieren noch heute.

Immer noch beste Kontakte

Dank bester Kontakte verfügt das Suermondt-Ludwig-Museum zum Beispiel nicht nur über Dauerleihgaben von Karl Otto Götz („Vive Aix-la-Chapelle“, 2005), sondern auch über eine von drei seltenen Keramiken des gebürtigen Aachener Künstlers, die er noch im Alter von 88 Jahren begonnen hat, als er sich nackt auf eine Tonplatte warf und sich von Helfern in das Material drücken ließ, um ein Porträt der gänzlich überraschenden Art anzufertigen.

Die regionale und lokale, die Aachener Künstlerszene liegt Adam C. Oellers immer noch sehr am Herzen, und er verhehlt auch nicht ein tiefes Gefühl des Bedauerns, dass die heute museal in Aachen so gut wie nicht mehr zum Zuge kommt. Die jährlichen Winterausstellungen von Aachener Künstlern im Suermondt-Ludwig-Museum noch in den achtziger Jahren: „Da war die Bude immer voll.“ All das ist längst der neumodischen „Profilschärfung“ der Museen zum Opfer gefallen. Für das „Suermondt“ heißt das im Augenblick: Schwerpunkt mittelalterliche Skulpturen und alte Holländer. Da wirkt die Abteilung „Moderne“, die Oellers über all die Jahre aufgebaut hat, fast wie ein Fremdkörper. „Ich hab‘ das einfach gemacht“, sagt er. Allerdings muss man nach einem Parcours durchs labyrinthische Haus bis zur zweiten Etage vordringen, um Davringhausen, Expressionisten, Beuys & Co. zu entdecken. Den Museen indessen ist diese kleine, aber feine Sammlung mit Namen wie Lovis Corinth und Max Liebermann durchaus bestens bekannt: „Immer wieder erreichen uns Leihanfragen anderer Häuser“, sagt Oellers.

Neben den regionalen Kreativen sind auch die Sammler der Umgebung aus dem Haus verschwunden: Hugo Jung und Axel Hinrich Murken zum Beispiel. „Die sind alle raus.“ Sie passen nicht mehr ins Konzept. Für Oellers ein Verlust für das Museum, das als Bürger- und Universalmuseum gegründet wurde, mit Sammlungen aus dem Bürgertum und von den Kurgästen der Stadt.

So schlummern heute auch die Kostbarkeiten aus dem Kunstgewerbebereich im Depot und warten auf ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf, der noch lange andauern könnte. Oellers: „Und es gibt ganz tolle Stücke darunter.“

Die Umwälzungen in der Museumslandschaft — er hat sie alle miterlebt. Der gegenwärtige Trend heißt: Multimedia und Animation über alles. Das neue Centre Charlemagne am Aachener Katschhof, das im Untertitel als „Stadtmuseum Aachen“ annonciert wird, ist für ihn weniger Museum, eher eine „Form von Animation“ zu diversen Themen. „Geflimmer und Tastengedrücke — das ist der Trend der Zeit. Aber das kann in 20 Jahren schon wieder ganz anders sein.“ Da schätzt er doch lieber das Kölner Kolumba, das aus dem ehemaligen Diözesanmuseum hervorgegangen ist, das sich gegen alle Trends der Zeit und in aller erhabenen Stille den Kunstwerken pur widmet — ohne jeden neumodischen Schnickschnack und jede Eventballerei. „Das kann durchaus wiederkommen“, meint er, „dass plötzlich wieder die Aura der Werke wichtig wird.“

Schade findet er im Übrigen heute noch, dass die Stadt in den 90ern nicht dem Sieger des Architektenwettbewerbs zum Bau der Museumserweiterung, dem Aachener Architekten Winfried Wolks, den Vorzug gegeben hat, sondern Busmann und Haberer: „Nur weil die billiger waren.“ Wolks Entwurf mit einer offenen Galerie und einem großzügigen Raumangebot hätte 30 Millionen Euro gekostet. „Busmann und Haberer haben es für die Hälfte gemacht. Entsprechend wurde das Angebot abgespeckt. Das verwinkelte Ergebnis funktioniert eher notdürftig“, fasst er seine Erfahrung mit dem Neubau ziemlich kritisch zusammen.

Die Hand fährt beinahe liebevoll über die Platte seines Schreibtischs, an dem er noch einmal Platz genommen hat. Es ist ein alter Holzschreibtisch, der ein wenig so wirkt, wie auf dem Flohmarkt erstanden — ein Lieblingsstück eben. „Ich mag all das Plastikzeugs nicht“, sagt Oellers und wischt sich — eine seiner typischen Gesten — mit der ganzen Hand von oben nach unten über das Gesicht. Der Schreibtisch stammt noch von seinem ersten Museumsdirektor, Ernst Günther Grimme. „Der ist aus den 50ern, den hab’ ich mir irgendwann einfach genommen, bevor er ins Depot kam.“ Und: „Vielleicht frage ich mal nach, ob ich ihn mitnehmen kann . . .“

Der gebürtige Rheinländer Oellers — er vermisst in Aachen nicht viel, nur eines: den Rhein. „Das ist so ein Energiestrom, den man mit allen Sinnen spüren kann. Die Aachener, die sind ja irgendwie alle Rheinländer, aber dieser Lebensstrom, der fehlt hier doch.“ Er hatte überlegt, nach der Pensionierung wieder an den Rhein zurückzuziehen. „Aber jetzt habe ich hier eine neue Partnerin, jetzt bleibe ich hier.“ Und „seinem“ Museum trotz einigen Abstands weiterhin gewogen.