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Aachen: „Aber ich musste diesen Perfektionismus ablegen”

Aachen : „Aber ich musste diesen Perfektionismus ablegen”

Vom „Haarspraymonster” ist die Rede, wenn Annett Louisan ihre jüngere Vergangenheit Revue passieren lässt, die mit den Aufnahmen zu ihrem neuen Album zu Ende ging. „Teilzeithippie” ist ihr viertes und ein Neuanfang (erscheint am Freitag).

„Am Tourende stand ich hinter der Bühne, konnte keinen mehr umarmen, um die Frisur nicht zu zerstören. Alles war perfekt durchorganisiert, und ich war komplett zu. Dabei funktionierte ich ganz gut, weil ich ein Arbeitstier bin. Aber ich musste diesen Perfektionismus ablegen, um wieder ich selbst sein zu können.”

Dabei hatte alles so schön angefangen für die ehemalige Kunststudentin aus Sachsen-Anhalt. Inspiriert von der Bohemien-Bewegung, hatte sie eine Vision vom Umgang mit deutscher Sprache in der Musik, die eine Verbindung von Poesie und Alltagssprache darstellen sollte. Lockere Geschichten mit Inhalt waren ihr textliches Credo. Stark am Chanson orientiert, schlug ihr Debütalbum „Bohême” 2004 richtig ein. Es hagelte Edelmetallauszeichnungen.

Nach „Unausgesprochen” hätte ihre dritte CD, „Das optimale Leben”, eine Art Aufbruchplatte sein sollen, blieb aber im gut gemeinten Versuch stecken. Mit „Teilzeithippie” stehen die Zeichen jetzt aber auf Veränderung. Zuerst fällt das äußere Erscheinungsbild der Louisan auf.

Ihre Haare sind braun statt blond, und mit Perücke wirkt sie mitunter wie die unschuldige Jane Birkin in Michelangelo Antonionis „Blow Up”-Filmklassiker von 1966. Die Ambivalenz dieser Selbstdarstellungen ist durchaus beabsichtigt, denn Louisans Lieblingsspannungsfeld, Scham und Schande, zieht sich wie ein roter Faden durch „Teilzeithippie”.

„Ich genieße das Spiel mit der Scham, die in uns allen steckt”, sagt die 31-Jährige. „Es gibt nichts Schöneres, als rot zu werden, wenn einem jemand etwas Anzügliches sagt. Und nichts, was das Herz höher schlagen lässt.”

„Das schlechte Gewissen” auf „Teilzeithippie” ist eine Anspielung auf ihren größten Single-Hit „Das Spiel”, unterstreicht aber auch ihre Entwicklung, weil es inhaltlich noch einen Schritt weiter geht. „Sexy Loverboy” verkörpert Mengen an Hedonismus, ohne die mitfühlende Seite der Louisan zu verleugnen. Und in „Stoff” wagt sie sogar den Schritt ins Absurde.

Musikalisch hat sich der Horizont erweitert. Die Beat-Ästhetik der Sixties und erdige Countryeinflüsse verleihen der Genussstimme Louisans eine zusätzliche Lockerheit. Es hat sich also einiges geändert. „Aber eigentlich bin ich wieder dort angekommen, wo ich angefangen hatte. Endlich kann ich wieder Bohemien sein.”