Aachens Chordirektor Jori Klomp ist kein harter „Holzschuh-Typ"

Theater Aachen : Jori Klomp ist kein harter „Holzschuh-Typ“

Der Chordirektor des Aachener Theaters setzt auf Dialog. Das kommt gut an. Aber ein paar Regeln müssen schon sein. Auch für ihn selbst. In Sandalen dirigieren? Das geht gar nicht!

Klomp! Sein Nachname klingt ziemlich klobig-plump, doch er ist ein Mann für die schönen Töne und kommt selbst eher locker-leicht daher. An diesem heißen Tag stecken seine nackten Füße in Sandalen. Zwar trägt der Niederländer Jori Klomp den Holzschuh im Namen, aber er meint mit einem Griemeln im Vollbart-Gesicht: „Ich bin kein Holzschuh-Typ.“ Was im übertragenen Sinn wohl bedeutet: Hartes, lautes Auftreten ist nicht so sein Fall. Auch nicht in seinem noch recht neuen Job als Chordirektor des Aachener Theaters.

Der Vorstand des Opernchors jedenfalls lobt die „äußerst fruchtbare Zusammenarbeit“ mit dem „sehr emotionsgeleiteten“ Dirigenten und die „gute Atmosphäre“. Seit knapp einem Jahr leitet Klomp nicht nur den Opernchor, sondern noch drei weitere Ensembles: den Sinfonischen Chor, den Extra-Chor sowie den Kinder- und Jugendchor, insgesamt rund 135 Sänger. Und das mit gerade mal 28 Jahren. Ganz schön jung! „Wenn man weiß, was man will, und zeigt, was man kann, dann ist das Alter egal“, sagt Klomp mit einem Schulterzucken, ohne überheblich zu wirken.

Offen, motivierend, begegnend – so beschreibt der Chef seinen eigenen Führungsstil. „Man kann alles mit mir besprechen.“ Aus dem Opernchor kommt die Bestätigung: „Beide Seiten bringen ihre ästhetischen Vorstellungen ein und nähern sich einander an.“ Vielleicht gehören die gefürchteten Pultdespoten mittlerweile tatsächlich endgültig der Vergangenheit an?

Auch wenn Klomp glaubt, nicht streng zu sein, hat er klare Regeln und (musikalische) Vorstellungen. „Zuspätkommen gefällt mir nicht“, stellt er beispielsweise klar. Um schnell prustend den Kopf einzuziehen: „Ich bin gerade zwei Minuten zu spät zu unserem Gespräch gekommen!“ Zudem erwartet er, dass die Sänger sich bei den Proben Notizen machen, um die Absprachen dann einzuhalten.

Aber Jori Klomp hat auch für sich selbst Regeln. Sandalen zum Beispiel gehen nur montags. Dann ist der „chorfreie“ Tag, keine Probe. „In Sandalen vor dem Chor zu stehen fände ich unseriös.“ Er möchte vor der Gruppe auch „Vorbild sein“. „Und die Sänger sollen nicht stundenlang auf meine Zehen schauen müssen.“

Auf Geheiß des Generalmusikdirektors musste er diese Saison sogar in schwarze Lackschuhe schlüpfen. Für seinen aufregendsten Auftritt als Anfänger. Wenige Wochen vor der Premiere der Offenbach-Operette „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ musste der Dirigent für einen erkrankten Kollegen einspringen und die Produktion als musikalischer Leiter übernehmen. Das marschstampfende und cancansprühende Werk kannte er sowieso schon bestens, weil seine Chöre (besonders in der höchst turbulenten Inszenierung von Joan Anton Rechi) fast ständig im Einsatz sind. Doch die Aussicht, nicht versteckt in den Kulissen Einsätze zu geben, sondern den ganzen Trubel am Pult des Sinfonieorchesters im Graben zu koordinieren, hat ihn schon sehr nervös gemacht, gesteht Klomp – um sehr locker zu erklären: „Alles, was kommt, einfach angehen!“ Das ist so was wie sein Motto.

Anfangs seien die Musiker „schon etwas abwartend“ gewesen. „Ich fand mich erst mal auch nicht so überzeugend“, meint er selbstkritisch zu seinem Debüt als Musiktheater-Dirigent – im Gegensatz zu den Profi-Kritikern und der Theaterleitung, die Klomp kommende Saison auch als Kapellmeister einsetzt.

Einen Taktstock muss er sich leihen

Einen Taktstock hatte Klomp gar nicht, den musste er sich erst mal ausleihen. Mittlerweile hat er sich einen eigenen zugelegt, weißer Kunststoff mit Korkgriff. „Aber er ist nicht so lang – als Statement“, sagt der Musiker und lächelt. In erster Linie ist und bleibt er Chordirektor, und seine Chöre leitet er nur mit der Hand. „Da fühle ich mich freier.“ Das Klavier im Chorsaal hat er quer hingestellt, damit er schnell drumherum huschen kann. Ran an die Sänger, ran an den Klang. Er probt gerne ohne Klavierbegleitung, „gerne mit Augenkontakt“. Am Klavier sei er auch nicht der Beste, gibt Klomp zu.

­Multimusikalisch talentiert ist er auf jeden Fall. Als Achtjähriger hat er mit Saxofon begonnen, im belgischen Malmedy. Da ist er geboren und aufgewachsen, seine Eltern sind Niederländer, die nach Malmedy gezogen sind, um ein Restaurant zu eröffnen, mittlerweile leiten sie einen Campingplatz.

Zur Musik haben sie durch ihren Sohn (zurück)gefunden, erzählt der, die Mutter im Chor, der Vater an der Trompete. Schon mit 17 hat Jori einen Kirchenchor im belgischen Recht geleitet, schließlich gleich drei Studienabschlüsse in Maastricht und Utrecht gemacht: in klassischem Saxofon, in Sologesang und erst im vorigen Jahr in Chordirektion. Nebenbei hat er in einem Militärorchester gespielt und in Maastricht eine Chor-Akademie gegründet. Bei der Gesangsausbildung hat der Countertenor gemerkt: „Das Alleine-auf-der-Bühne-Stehen ist nicht meins. Ich verbinde lieber Menschen und musiziere gemeinsam.“ Zwar singt der Leiter bei Chorproben gerne vor, doch stellt er sich ebenso bei Konzerten zwischen seine Sänger und stimmt mit ein.

Dass seine Studienzeit noch gar nicht lange her ist, kommt ihm bei der Kommunikation mit den Studenten im Extra-Chor und den Acht- bis 20-Jährigen im Kinder- und Jugendchor gelegen, findet Klomp. Nicht nur beim Selfiemachen.

Manchmal steht der schmale Mann bei den Proben mit den Profis (im Opernchor), den Semi-Profis und Amateuren da, kann sein Glück noch nicht so recht fassen und denkt: „Wow! Sind das wirklich meine Sänger!?“ Er hat in Aachen einen Zwei-Jahres-Vertrag, „aber ich hoffe, dass ich noch ein bisschen länger bleibe“. Obwohl er momentan kaum Zeit findet, privat Jazz zu hören, Yoga zu machen oder zu tanzen. Denn auf dem Plan stehen schon Proben für die kommende Saison, etwa für „Der Zauberer von Oz“ oder die Kurpark Classix.

Dabei ist diese Spielzeit noch gar nicht beendet. Musikalisch am beglückendsten fand er rückblickend Dvoráks „Stabat Mater“ im Dom. Aber ein großes Konzert steht ja noch aus: Für „Chor+“ – kurz nach der erfolgreichen Chorbiennale – in der Aachener Citykirche hat Klomp ein „leichteres Programm“ zusammengestellt, nur englischsprachige Komponisten – Ned Rorem, Eric Whitacre, Benjamin Britten und im Zentrum John Rutter mit seinem Requiem. „Etwas sanftere Melodien – das tut der Stimme gut.“

„Seine“ Chöre, rund 80 Sänger von Opernchor, Sinfonischem Chor und Kinder- und Jugendchor sind zu erleben, gemeinsam mit 25 Musikern des Sinfonieorchesters. Davor natürlich Jori Klomp. Ohne Taktstock, ohne Sandalen. Aber vielleicht ja mit Lackschuhen.

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