Aachen: Aachener Skulpturen reisen nach Leuven

Aachen: Aachener Skulpturen reisen nach Leuven

Zehn Tage lang haben zwei Kunstspediteure 95 Skulpturen des Suermondt-Ludwig-Museums in große Spezialkisten verpackt. Zehn Tage lang haben sie die filigran geschnitzten Figürchen, Altardetails und Reliefs aus der Zeit vom 12. bis zum 16. Jahrhundert fertig gemacht für den Versand an das M-Museum im belgischen Leuven.

Dort werden die Leihgaben ab dem 22. September bis zum 27. Mai des nächsten Jahres in der Ausstellung „Über die Grenze hinweg — Mittelalterliche Bildhauerkunst aus den Niederlanden“ öffentlich zu sehen sein. Es ist ein gigantischer logistischer Aufwand.

Den zentnerschweren Petrus-Altar abzubauen und zu verpacken, stellt die Kunstspediteure vor Herausforderungen. Foto: Andreas Herrmann

Herzensprojekt

Deshalb ist es für die Direktoren der beiden Museen, Peter Bary (Leuven) und Peter van den Brink (Aachen), auch ein Herzensprojekt. „Die Ausstellung ermöglicht einen großartigen Einblick in die Skulpturenproduktion zu der Zeit“, sagt van den Brink. „Die Niederlande waren Vorreiter und fertigten Auftragsarbeiten in großem Maßstab an, die dann vor allem nach Deutschland und Skandinavien transportiert wurden.“ Man könne fast von einer standardisierten Massenproduktion sprechen. „Teilweise war es billiger, in Antwerpen eine Heiligenfigur zu bestellen, als beim Holzbildhauer gegenüber.“

Eine Besonderheit der Skulpturen ist, dass sie nur in wenigen Fällen zweifelsfrei einem bestimmten Künstler zugeordnet werden können, manchmal ist nicht einmal der genaue Herkunftsort bekannt. Für Peter Capreau, Konservator Alte Kunst des M-Museums, ist das vor allem eine Chance. „Die Besucher kommen dann nicht, um die Werke eines bestimmten Menschen zu sehen, sondern wegen der Objekte an sich“, sagt er. Das schule das genaue, bewusste Hinschauen. „Das scheint im ersten Moment selbstverständlich und einfach — ist es aber nicht.“

Die Kooperation zwischen den beiden Museen nahm 2014 ihren Anfang. „Alle guten Ideen beginnen in einer guten Kneipe“, sagt Carpreau lachend. Man habe damals zusammen in Leuven spanischen Rotwein getrunken und überlegt, wie man von der Expertise des jeweils anderen profitieren kann.

Aachen ist im Besitz der größten Sammlung mittelalterlicher niederländischer Bildhauerkunst in Deutschland. Leuven hat eine Sammlung spätgotischer Bildhauerkunst von internationaler Spitzenqualität mit Prunkstücken wie den Werken des Brüsselers Jan Borman. Zusammen ergebe das ein nie dagewesenes Gesamtbild. „Das Museum M möchte der internationale Katalysator für die Erforschung der mittelalterlichen Bildhauerkunst sein“, sagt Capreau.

Dafür habe man nun den Grundstein gelegt. Mit der Ausstellung verbunden ist auch ein großangelegtes Forschungsprojekt. „Zusammen mit den Experten aus Leuven konnten wir einige Stücke neu analysieren und datieren“, sagt van den Brink.

So habe man zur Überraschung aller herausgefunden, dass für drei Skulpturen aus Mechelen Pappelholz verwendet wurde. „Das ist sehr außergewöhnlich.“ Die meisten Skulpturen seien aus widerstandsfähigem Eichen- oder Walnussholz gefertigt. Das viel weichere Pappelholz dagegen kenne man hauptsächlich von italienischen Werken.

Herzstück der Ausstellung ist der einzige noch erhaltene Schnitzaltar aus dem Gebiet der heutigen Niederlande, ein zentnerschweres Petrus-Altarretabel. Das hölzerne Altarbild war einst in kräftigen Farben bemalt und mit Goldapplikationen bestückt.

Der Altar zeigt in drei Gefachen die Legende des heiligen Petrus. Der Aachener Ausstellungskurator Michael Rief merkt dazu an: „Der Schnitzaltar ist das einzige großformatige Beispiel, das den protestantischen Bildersturm in den Nördlichen Niederlanden überlebt hat. Er entstand um 1500 herum und wurde von zwei Schnitzern aus dem Herzogtum Geldern hergestellt.“

Und bevor die Skulpturen überhaupt belgischen Boden berührt haben, verkünden Peter van den Brink und Peter Bary bereits ein weiteres gemeinsames Projekt. Denn was wäre naheliegender, als dem Porträtmaler Johann Baptist Joseph Bastiné, der in Leuven geboren wurde und in Aachen gewirkt hat, eine Ausstellung zu widmen?