1. Kultur

Eschweiler: Aachener Schauspieler Stéfan Horn stellt seine Memoiren vor

Eschweiler : Aachener Schauspieler Stéfan Horn stellt seine Memoiren vor

Den Talbahnhof in Eschweiler hat er zusammen mit Walter Danz als führende Kleinkunstbühne in der Region etabliert, von 1981 bis 1988 spielte und inszenierte er zuvor als festes Ensemblemitglied am Stadttheater Aachen.

Stéfan Horn. Jetzt, mit 70 Lenzen auf dem Buckel, hat der Schauspieler und Regisseur seine Autobiografie vorgelegt, aus der er heute im Talbahnhof zum ersten Mal lesen wird. „Ein Leben in der zweiten Reihe oder Immerhin...“

Über 800 Seiten hat der Mann ab dem 14. Oktober 2009 zwei Jahre lang in seinen Computer getippt, drei Lektoren — „die strengste war meine Frau Waltraud“ — „schrumpften“ das Werk auf respektable 560 Seiten. Sie beschreiben ein reiches, ein „erfülltes Leben“ — so empfindet es der Autor im Rückblick mit Dankbarkeit —, allerdings auch mit Wehmut. Von „Enttäuschung“ mag er zwar nicht sprechen, doch der Titel des Buchs zeigt bereits mehr als deutlich an: Im Leben des Stéfan Horn ist längst nicht immer alles nach Plan gelaufen — und die Schuld dafür gibt er durchaus sich selbst...

Ein unruhiger Geist

„Ich war immer ein unruhiger Geist“, sagt er, „habe vieles angefangen und mich dabei wahrscheinlich verzettelt.“ Klingt das nicht larmoyant? „Ich war ein Schauspieler, der nie die Bretter, die für ihn das Leben bedeuteten — in Berlin, München oder Hamburg — betreten durfte, der nur eine mittelmäßige Stadttheater-Karriere erlebte“, schreibt er im Vorwort.

Mittelmaß — so fällt seine Lebensbilanz aus. „Man arrangierte sich. Alles andere wäre Selbstbetrug. Die Karriere reichte nur für die Provinz“, sagt er. Nur für Aachen. Aber muss sich ein Mensch, der seine Träume nie verwirklichen konnte, ganz nach „oben“ zu kommen, tatsächlich nur als „mittelmäßig“ empfinden?
Das Schicksal wirft Stéphane Francis Horn, wie er mit Geburtsnamen heißt, in der französischen Kleinstadt Saint-Claude in der Region Franche-Comté auf die Welt. Der Vater, aus einer jüdischen Familie stammend, war mit seiner Frau vor den Nazis aus Köln hierher geflohen. Bereits im Kindesalter, fasziniert von der Magie des Verkleidens, keimt in Stéphane der Wunsch auf, Schauspieler zu werden. Kameradschaften, Freundschaften, die erste Liebe — der alte Mann, gebrechlich und nur mehr mit Gehstock unterwegs, erinnert sich mit verblüffender Genauigkeit und voller Genuss an seine unschuldige Kindheit.

Als Schüler betritt er zum ersten Mal eine Bühne, zusammen mit einem Freund spielen sie Dick und Doof. Entscheidend wird die Begegnung mit Georges Brassens, den er als Chansonnier erlebt: „Der stand da mit seiner Gitarre und sah aus wie ein Bär“, erzählt Stéfan Horn. „Da dachte ich: So willst du auch mal sein — auf der Bühne stehen und dem Publikum Geschichten erzählen.“

1958 kehrt die Familie nach Köln zurück, Stéphane ändert seinen Namen in die deutsche Version Stéfan, nicht ohne Accent aigu — ein bisschen Französisch muss sein. Während des Studiums der Theaterwissenschaft an der Kölner Universität lernt er später berühmte Kollegen wie Jürgen Flimm und Klausjürgen Wussow kennen. „Ich wollte ein großer Schauspieler werden“, sagt Stéfan Horn heute, und bedauert: „Aber ich habe das Ziel verfehlt.“ Im Kölner Institut français bekommt er die Gelegenheit, Theater zu spielen. Entscheidende Kontakte verhelfen ihm zu einem ersten Engagement am Theater in Darmstadt, das Debüt: der Njegus in Lehárs „Lustiger Witwe“, eine Rolle, die er nach allen Regeln der Kunst tüchtig verbockt, weil ihm das entscheidende Stichwort für den Auftritt des Kollegen nicht über die Lippen kommt. Amüsant, wie Stéfan Horn lustige Anekdoten wie diese erzählt.

In Darmstadt lernt er Manfred Mützel kennen, der einmal Generalintendant des Aachener Stadttheaters werden (1981-83) und Horn aus einer höchst prekären Lage retten soll. Über weitere Zwischenstationen in Coburg, Lübeck und Trier, wo künstlerische Erfolge und Niederlagen in regelmäßiger Folge abwechseln und das organisierende Geschäft des Disponenten die berufliche Vielfalt des Schauspielers erweitert, gelangt Horn 1976 an den Intendantenposten in Paderborn — und endet in einer einzigen Katastrophe.

Noch bevor er die Stelle überhaupt antritt, organisiert er Gastspiele und lädt unter anderem Georg Kreisler („Tauben vergiften im Park“) ein — bis sich eine Dame aus dem konservativen Stadtrat bei Horn meldet und ihm deutlich macht, dass er in Paderborn nichts werden kann, wenn er diesen „Kommunisten“ in die Stadt bringen würde. Horn knickt tatsächlich ein und lädt Kreisler wieder aus. Mit geradezu masochistischer Ehrlichkeit bewertet Horn seinen Rückzieher in der Autobiografie: „Ich hatte die Chance verpasst, mich durchzusetzen, Rückgrat und Charakter zu zeigen. Ganz ohne Not. Aus purer Angst vor der bürgerlichen Macht.“ Es folgt ein Leben in Kompromissen.

Weniger ehrlich geht der Autor mit dem Ende in Paderborn um, da soll ein Oberspielleiter an seinem Stuhl gesägt und die Mehrheit des Ensembles derart massiv gegen ihn aufgebracht haben, dass Horn freiwillig kündigt. Statt Einzelheiten zu erzählen, wirft er Stichworte in den Raum, die das Geschehen umschreiben: „Arbeitsverweigerungen, Stinkbomben-Attacken, Diebstahl, Beleidigungen, Gegenproduktionen, finanzielle Betrügereien, Denunziationen“ — am Theater Paderborn muss unter seiner Leitung 1980/81 der Teufel los gewesen sein. „Es tut noch zu sehr weh“, erklärt er uns, weshalb er in seinen Schilderungen nicht deutlicher geworden ist.

Das Resümee: „Der Beruf des Intendanten war zu hart für mich, man muss zu sehr über Menschen entscheiden.“ Rettungsanker wird Manfred Mützel, mittlerweile Intendant in Aachen. Der macht ihn 1981 zu seinem Stellvertreter. In seine Schilderungen der Aachener Jahre flechtet Horn Einschätzungen des Aachener Theaters ein: „Der Stand heute: So nah am Abgrund war das ‚Schauspiel‘ noch nie! Werde ich hier noch den ‚Super-Gau‘ erleben?“ Wohl kaum, den Aufschwung des Aachener Theaters unter Michael Schmitz-Aufterbeck hat Horn nicht wahrgenommen.

Erstaunlich gnadenlos geht er mit seinem Gönner Manfred Mützel um: „Sicher war nur, dass er schon immer auf großem Fuß gelebt und viel Geld für Kleidung und Musikkassetten ausgegeben hatte. Oft konnte er sehr großzügig sein, wenn er einer schönen Frau — es musste nicht immer die eigene sein — imponieren wollte.“ Hat hier der Frust des Zu-kurz-Gekommenen, des Mannes aus der zweiten Reihe, die Oberhand bekommen?
1988 schlägt Horn freiwillig die Verlängerung seines Vertrags am Theater Aachen aus. Über die Spielstätte der Rheumaklinik und den städtischerseits abgelehnten Versuch, die Aachener Barockfa-brik mit Kleinkunst zu bespielen, bietet sich Eschweiler schließlich mit dem Talbahnhof an. Eine Erfolgsgeschichte, die für Stéfan Horn endet, als er in Aachen das Roncalli-Café an der Theaterstraße vom Zirkusmenschen Bernhard Paul übernimmt. Ein unausgegorenes Konzept mündet schnell in die Pleite. Horn gibt auch Paul die Schuld, weil der sich nie blicken ließ.

Heute immer noch wütend

Intendant Manfred Langner vom Aachener Grenzlandtheater bietet ihm in dieser Situation überraschend an, die Rolle des „Doolittle“ in „My Fair Lady“ unter einem Berliner Regisseur zu spielen. Stéfan Horn nimmt in seinen Erinnerungen kein Blatt vor den Mund: „Ich konnte den ‚genialen‘ Regisseur vom ersten Augenblick an nicht leiden und ich glaube, dass er mich auch nicht leiden konnte. Ich empfand ihn als arrogant. Ein Angeber, der nicht aufhören konnte, von seinen tollen Taten und den vergangenen Zeiten in Berlin zu schwärmen. Man musste ihn loben — was ich nie tat. (...) Ich merke, wie wütend ich noch heute auf ihn bin.“
Schade eigentlich.

Stéfan Horn: Ein Leben in der zweiten Reihe oder Immerhin... Mainz Verlag Aachen. 560 Seiten, 24,80 Euro.