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Aachen: Aachener Poeten in der ersten Lyrik-Liga

Aachen : Aachener Poeten in der ersten Lyrik-Liga

Eine kleine Sensation: Das ist Christoph Wenzels Resümee, wenn er auf das erste Maiwochenende zurückblickt. Da wurde der Aachener Lyriker in Südtirol mit dem Alfred-Gruber-Preis ausgezeichnet.

Er hatte Platz zwei bei einem der wichtigsten Lyrikpreise für deutsche Sprache belegt - dem von Meran. Über ihm thronte am Ende des Wettbewerbs nur noch das poetische Schwergewicht Uwe Kolbe. Nun, ein paar Wochen später, hat Wenzel die Sensation ein Stück verdaut. Geblieben ist ein „gutes Gefühl”. Und die Gewissheit, in der Literaturwelt einen nachhaltigen Fußabdruck hinterlassen zu haben. Sowohl für sich als auch für die Aachener Region.

Die hiesige Lyrikszene ist eine sehr aktive - und mitunter eine sehr erfolgreiche. Wenzels Abschneiden in Meran zeigt das erneut. Aber auch andere Schriftsteller bestätigen dies. Etwa Hartwig Mauritz. Der in Vaals lebende Lehrer schaffte es ebenfalls in die Endauswahl - zum zweiten Mal nach 2006. Zwei Aachener unter neun nominierten Autoren, ausgewählt aus rund 350 Einsendungen: Das ist eine ungewöhnliche Quote. Ganz so ungewöhnlich aber doch nicht, blickt man weiter zurück. 1998 konnte bereits ein Aachener in Meran überzeugen. Jürgen Nendza war einmal nominiert und kehrte gleich als Preisträger heim.

Die Euregio - eine Lyrik-Hochburg auf Augenhöhe mit Berlin, Leipzig oder Köln? So weit wollen Wenzel, Mauritz und Nendza nicht gehen. Dass sich hier „auf sehr hohem Niveau jenseits des Mainstreams etwas tut”, da sind sich die drei Lyriker jedoch einig. Und warum ausgerechnet hier? Eine Antwort darauf fällt schwer.

Ein Grund liegt für Hartwig Mauritz im Aachener Literaturbüro Euregio Maas-Rhein. Das Büro ist Anlaufstelle, Austauschbörse und Ideenschmiede für Autoren aus der gesamten Region, die das Schreiben professionell betreiben. Mauritz: „Dort entstehen wichtige Kontakte, man spricht über seine Werke und kann sich so weiterentwickeln.” Veranstaltet werden Autorentreffs, Workshops und die sommerliche „Leselust”. Wenzel und Mauritz sind dort vertreten, ebenso wie Christoph Leisten, Klára H?rková, Eva Boßmann, Petra Welteroth oder Peter Heuser.

Auch Jürgen Nendza kommt aus dem Kreis des Literaturbüros. Die Gründe für die Aachener Erfolge will er aber noch anderswo suchen. „Entscheidend ist, dass sich bestimmte Autoren mit Lyrik intensiv beschäftigen”, sagt Nendza. „Man muss viel lesen und viel vergleichen. Poesie ist harte Arbeit.” Literaturgeschichte, Poetologie, Technik, aktuelle Entwicklungen - über all das müsse ein guter Lyriker Bescheid wissen, um etwas Neues zu schaffen. Wenzel: „Herz auf Schmerz reimen, das geht nicht mehr.”

Von derartiger Schlager-Poesie sind seine Zeilen meilenweit entfernt. Der 32-Jährige wuchs in Westfalen auf, bis er zum Studium nach Aachen kam. Doch die Heimat nahm er mit - in seinen Gedichten. In zwei Zyklen spielt sie eine wichtige Rolle. Mit dem vieldeutigen Titel „das schwarzbuch die farbfotos” hat er sich in Meran beworben. In seinen Zeilen wird das alte Ruhrgebiet wach. Kohle, Stahl und Schrebergärten - alles kommt vor. Aber geschickt in neue Worte gegossen, ohne Gemeinplätze oder verbrauchte Metaphern. Auch Hartwig Mauritz Bewerbungszyklus „Kennwort: Restlicht” spielt mit Biografischem. Aufgewachsen an der Ostsee, wählte er ebenfalls Aachen als Studienort. Seine Fachrichtung: Elektrotechnik. So finden häufig technische Begriffe, Zusammenhänge und Technik-Geschichte ihren Weg in seine Gedichte.

Beide - Mauritz wie Wenzel - sind für Jürgen Nendza typische Beispiele für die starke hiesige Lyrikszene. Bei Literaturzeitschriften, spezialisierten Internet-Foren und einschlägigen Wettbewerben habe man das Talent erkannt. Schade findet er, dass Lyrik sonst oft wenig Aufmerksamkeit bekommt. „Es fehlt an der Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit.” Auch hier ist die Frage nach dem Warum nicht schnell zu beantworten. Die großen Verlage schraubten ihr Lyrik-Programm stetig zurück, berichten Mauritz und die anderen. In den Feuilletons würde die Gattung nur selten rezensiert. Aber auch anderswo müsse mehr Lust auf Lyrik geweckt werden. Etwa in den Schulen. Dort setzte Nendza bereits mehrere Literatur-Projekte um. Andere Möglichkeiten, Lyrik wieder ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, seien Veranstaltungen und eine entsprechende Berichterstattung. „Der Aachener Lyrik-Gipfel war so eine Veranstaltung. Da waren etwa Silke Scheuermann und Michael Lentz hier”, erinnert sich Wenzel. Auch Lentz zählt zu den erfolgreichen Poeten der Region. Der gebürtige Dürener erhält im November den Walter-Hasenclever-Literaturpreis.

Lesungen, Diskussionen und Berichte - das sind für die drei Lyriker die Voraussetzungen für mehr Öffentlichkeit. Eine solche wünschen sie sich. „Vom Seidenschal-Anstrich sind wir längst weg”, sagt Wenzel: „Lyrik ist alltagstauglich. Lyrik soll nicht abschrecken.” Das bedeute auch, dass man ein Gedicht nicht auf Anhieb verstehen müsse. Lyrik, das sei vor allem eine Wahrnehmung der Welt mit anderen Filtern. Dazu wollen Wenzel, Nendza und Mauritz ermutigen.