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Aachen: Aachener Meisterkonzert: Die Hochseil-Artistin der Gesangskunst

Aachen : Aachener Meisterkonzert: Die Hochseil-Artistin der Gesangskunst

Vokale Hochseil-Artistik erlebten die Zuhörer im gut besuchten letzten Aachener Meisterkonzert der laufenden Saison im Eurogress: Simone Kermes, die wohl neben Cecilia Bartoli „geläufigste Gurgel“ der internationalen Gesangsszene, präsentierte zusammen mit dem La Folia Barockorchester, angeführt von Konzertmeister Robin Peter Müller, Bravourarien aus spätbarocken Opern.

Ihrem Ruf als Popstar der Opernklassik wurde sie mit ihrem gebauschten Rüschenkleid und den silbernen Pailletten-High-Heels durchaus gerecht. Auch ihre direkte Kontaktaufnahme mit dem Publikum im zweiten Teil zielt in diese Richtung. Hier wird das Erlebnis von klassischer Musik zur Performance.

Wenn das so gekonnt und so aberwitzig virtuos gemacht wird wie von Simone Kermes, ist das sogar vergnüglich. Das Publikum jedenfalls war hingerissen.

Arien von Nicola Antonio Porpora, Leonardo Leo, Giovanni Battista Pergolesi und Johann Adolph Hasse waren das Material, an dem Simone Kermes ihre hochartifizielle Gesangskunst präsentieren konnte. Arien, die vor rund 300 Jahren Popstars der damaligen Opernszene, meistens Kastraten, auf den Leib geschrieben worden waren.

Wie diese beherrscht auch Simone Kermes nicht nur die Kunst, Koloraturen in atemberaubendem Tempo zu absolvieren, sondern in die Wiederholungsteile der Arien Improvisationen einzubauen, Kadenzen mit Spitzentönen auszuschmücken und auf diese Weise das Publikum immer wieder in höchste Bewunderung zu versetzen. Den meist sehr vordergründigen Affektgehalt setzt sie in körperliche Bewegung um: Sie wiegt sich, sie tanzt, sie springt, gibt gleichzeitig dem Orchester Hinweise, wann es wieder einsteigen darf. Das ist alles hochprofessionell und überaus gekonnt.

Fünf Zugaben

Das mit zehn Streichern und Cembalo und Theorbe als Continuo-Instrumenten angetretene La Folia Barockorchester durfte an zwei Concerti von Antonio Vivaldi und einer Introduzione zu einer Oper von Hasse seine eigenes interpretatorisches Profil zeigen und tat dies mit Perfektion und rasanten Tempi in den schnellen Sätzen, selbstverständlich historisch informiert und mit historischem Instrumentarium. Simone Kermes ließ sich gerne zu fünf Zugaben bitten. Am Ende verschwand der Klang von Stimme und Instrumenten bei Händels „Lascia ch‘io pianga“ aus der Oper „Rinaldo“ fast im Nichts.