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Aachen: Aachener Ludwig Forum zeigt Arbeiten von Erik Levine

Aachen : Aachener Ludwig Forum zeigt Arbeiten von Erik Levine

Ein Auto steht mit seltsam daran festgebundenen Stoffsäcken irgendwo in einem Hof. Plötzlich beginnt etwas in einem der Säcke zu zucken. Ein Mann tritt heran und sammelt die Beutel ein. Im nächsten Moment nur noch Gebrüll, aufpeitschendes, wildes Gestikulieren, wahnwitzige Emotionen um eine Art Arena herum — Männer im Blutrausch.

Wobei man keinerlei Blut sieht. Szenenwechsel: Kerle streicheln Hähne, frisieren die Federn, maniküren die Krallen — und man ahnt, um welche Art von Blutrausch es sich gehandelt hat. Kampfhähne sind es, ausgehungerte Wesen, die sich zerfleischen — aber von all dem sieht man nichts, es spiegelt sich lediglich in den Gesichtern dieser Männer während des Kampfes wider. Irgendwo in Puerto Rico, wo das Ganze auch noch legal ist.

Auf sensible Weise brutal

Die Bilder, die sich im Kopf des Betrachters dieser Szenen bilden, sie sind je nach Fantasiebegabtheit wohl noch grausamer als jene, die einem vorenthalten werden. Auf sensible Weise brutal und hochästhetisch zugleich, unter die Haut gehend emotional und doch von stoischer Kühle, tief berührend und neutral analysierend — die Videoarbeiten von Erik Levine, einem US-amerikanischen Künstler, 1960 in Los Angeles geboren, faszinieren auf eine unfassbar widersprüchliche Weise: Ganz und gar unprätentiös, aber mit unvergleichlicher Raffinesse stechen sie ins Herz. Andreas Beitin, Direktor des Aachener Ludwig Forums, präsentiert dem europäischen Publikum jetzt zum ersten Mal die Videoarbeiten Levines.

Seine Themen kreisen um Tabus, gesellschaftlich Verdrängtes, um Tod, Vergänglichkeit und die Frage: Wann ist ein Mann ein Mann? Und während Erik Levine bereits auf eine erfolgreiche Karriere als Bildhauer zurückblicken kann, ist es ein schreckliches, persönliches Schlüsselerlebnis, das seinem künstlerischen Leben eine völlig neue Wendung gibt: Er ist 37 Jahre alt, als sein Vater 1997 vor seinem Haus, im Auto sitzend, erschossen wird. Seit 2000 arbeitet Levine ausschließlich mit dem Medium Video.

Auf Safari-Tour

Der nächst Film, in einem weiteren, abgedunkelten Raum des Ludwig Forums: offensichtlich Aufnahmen von einer Safari-Tour. Zebras und Büffel geraten ins Bild. Plötzlich Fotos einer abgesperrten Straße. Dann wieder erlegte Tiere — im gleichmäßig rhythmischen Wechsel Bilder eines Tatorts — ein Leichensack wird abtransportiert. Die Jagd in Afrika findet ihre Fortsetzung auf der Straße — und die Leiche ist der ermordete Vater Levines. Die Safari-Bilder stammen von ihm selbst, aufgenommen in den 70er Jahren.

Wasser spritzt, Funken sprühen, Nebel legt einen undurchdringlichen Schleier über den Raum. Kessel an Ketten gleiten vorüber, rot bespritzt. Blut? Was für Blut? Rätselhaft sind Ort und Geschehen. Männer in weißen Kitteln schärfen Messer. Plötzlich ein Edelstahlbecken mit Abfluss, das sich mit Blut füllt und — patsch: Die Haut eines Tieres fällt herab. Rhythmisch abfolgende Bilder — ein Stakkato des Todes. Jetzt ahnen wir, wo wir sind. Zwei Wochen lang hat Levine in einem Schlachthof in Argentinien gedreht, seine argentinische Frau war der Türöffner. Ohne jeden Voyeurismus, fast stoisch kühl und doch hochengagiert führt Levine den Blick auf die reibungslose, erbarmungslose Maschinerie des Todes mit ihren ganz eigenen Gesetzen. Und allmählich offenbart sich ein Menschenbild, das über all dem waltet . . .

Eine alte Frau schläft, schwer atmend. Ein alter Mann sitzt regungslos in einem Rollstuhl. Ein anderer sieht fern — irgendetwas Militärisches. Der Blick richtet sich in den Gemeinschaftssaal eines Altenheims — Menschen kommen und gehen. Oder essen. Alltag — statische Einstellungen spiegeln einen Zustand, der wohl den meisten von uns blüht . . .

Und wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er fähig ist zu kämpfen! Der einzige Unterschied zu mittelalterlichen Vorstellungen ist der, dass die Accessoires gewechselt haben — statt Schwert und Speer der Ball.

Drill beim Football

Das Football-Team steht im Kreis, in voller Montur haut man sich auf die Helme. Der Coach — angeschnitten im Bild — brüllt sich die Seele aus dem Leib. Martialische Initiation, brutaler Drill im 21. Jahrhundert — und wer scheitert, ist dem Heulen nahe. Levine beherrscht das scheinbar neutrale Spiel aus Distanz und Nähe bis zur Perfektion.

Nicht alle Aufnahmen stammen vom Künstler selbst, er benutzt vorgefundenes Material wie Bilder einer Überwachungskamera. Ein Mann wird in eine kleine Zelle geführt, er setzt sich auf einen Stuhl. Bevor die polizeiliche Befragung beginnt, reicht der Beamte ihm eine Flasche Wasser und verlässt für einen Moment den Raum. Der Mann zieht eine Waffe aus der Hose, hält sie sich an den Kopf und drückt ab. Was dann passiert, sieht man nicht mehr. Der Tod in ganz realen Bildern.

„Der Tod hat durch die massive Präsentation und seine Darstellungsformen in den unterschiedlichen Medien einen Teil seines Schreckens verloren“, schreibt Andreas Beitin in seinem Katalogbeitrag mit Blick auf 70 Morde, die allein täglich in Fernseh-Serien und -Filmen begangen werden. Und die Zahl stammt noch aus den 90er Jahren. Fiktionalisiert und entwirklicht wie das Schlachthaus, das selbst unsichtbar nur mehr abstrakte Lebensmittel produziert. Eine inspirierende Ausstellung.

Ein Künstlergespräch in englischer Sprache findet am Samstag, 20. Mai, um 15 Uhr im Ludwig Forum statt.