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Moers: 33. Moers Festival mit musikalischen Überraschungen

Moers : 33. Moers Festival mit musikalischen Überraschungen

Wen herausstellen, wenn man über dieses außerordentliche 33. Moers Festival mit 25 Gruppen und hunderten Musikern berichten will?

Helge Schneider jedenfalls nicht, der sich an zu vielen Instrumenten verhedderte. Aber sonst: Die japanischen Amerikaner und Gebrüder Takeishi zum Beispiel, Stomu am elektronisch verfremdeten Bass, Satoshi am Schlagzeug, das er auf dem Boden sitzend bedient.

Vor allem in den morgendlichen Projekten, wo noch wirklich experimentiert und improvisiert wird, wurde klar, warum sie zu den begehrtesten Rhythmusgruppen der New Yorker Downtown-Jazzszene gehören.

Nils Wogram, vom Geheimtipp zu einem der führenden europäischen Posaunisten avanciert, leitete das Projekt des Kölner Loft und sorgte mit seiner eigenen Gruppe Root 70 für erregende Momente, die auch dem Saxophonisten Haydn Chisholm zu verdanken waren.

So zärtlich meint man ein Altsaxophon, üblicherweise eine heiße Röhre, nicht einmal von Paul Desmond gehört zu haben. Chisholm („Mein Herz ist nahe an dem einer Frau”) las dazu betörend aus dem Ulysses-Schlussmonolog der Molly Bloom und es war leiser als mäuschenstill im Saal.

Den Atem hielten viertausend Leute im großen Zelt dann lange an, bevor sie frenetisch applaudierten, als die Perkussionistin Evelyn Glennie und der Gitarren-Klangwerker Fred Frith Ungehörtes produzierten.

Nahezu gehörlos

Wenn Musik, die dazu alles andere als einfach ist, bei Zuhörern Spannungen in Emotionen entladen kann, dann hat man es hier erlebt. Erst recht, wenn man weiß, dass Glennie, gefragt von der New York Philharmonic bis zu Björk, nahezu gehörlos ist und nur über Boden- und Körperschwingungen sowie raffinierte Elektronik sich und andere akustisch wahrnehmen kann.

Ungehörtes gab auch die sibirische Vokalistin Sainkho Namtchylak, deren Stimme über sieben Oktaven verfügt, deren Außerordentlichkeit sich aber auch im DrumnBass-Powersound verlieren kann.

Die naiv-freundliche „Weltmusik” wurde zum Glück diesmal klein gehalten - zugunsten hoch interessanter, einheitlicher Szenen wie der südfranzösischen mit der Bigband Le Sacre du Tympan, eine Carla Bley-Frucht, oder Collectif Slang, die eine Art Freejazz-HipHop erzeugen.

Dass aber die Amerikaner an Dynamik immer noch zwei Schüppen drauflegen können, machten der Saxophonist Ned Rothenberg mit seiner Double Band, darin die Takeishis, sowie das Revelation Trio um den Trompeter Hugh Ragin gültig klar.

Der US-Kunstrocker und Sänger David Thomas hingegen scheint seine Rolle als Düsterpoet nicht mehr ganz von seinem tatsächlichen Alkoholkonsum vor und hinter der Bühne trennen zu können und zog mit launischem Gebaren sein eigentlich brillantes poetisches Konzept herunter. Auch das ist Moers. Mehr davon.