Aachen: 1968: Als Theorie nicht grau, sondern bunt und sexy war

Aachen : 1968: Als Theorie nicht grau, sondern bunt und sexy war

Zu den Urbildern der 68er Bewegung gehört das Foto eines Damenfahrrads, aufgenommen am 11. April 1968 vor dem SDS-Büro am Berliner Kurfürstendamm. Es ist das Fahrrad, mit dem Rudi Dutschke unterwegs war, als er von dem jungen Hilfsarbeiter Josef Bachmann niedergeschossen wurde.

Es liegt am Boden, halb auf der Straße, halb auf dem Bürgersteig; am Lenkrad hängt eine offensichtlich prall gefüllte, braune Aktentasche. Prall gefüllt mit Papieren und vor allem Büchern, ohne die Dutschke das Haus eigentlich nie verlassen hat. Denn er las immer und überall, wie seine Witwe Gretchen sich erinnert; es konnte schon mal vorkommen, dass er dabei die Welt um sich herum gar nicht mehr zur Kenntnis nahm.

Vordenker: die Sozialphilosophen Theodor W. Adorno (oben links), hier im Mai 1968 mit dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld bei einer Veranstaltung in Frankfurt gegen die Bonner Notstandsgesetze, und Herbert Marcuse (rechts). Foto: imago/Leemage/dpa

Wer von der 68ern spricht, der spricht von einer Generation, die mindestens so viel gelesen wie demonstriert hat. Gelesen wurde vor allem Theorie, sperrige, schwierige Texte. Es war sexy, mit Begriffen wie Dialektik oder Hermeneutik nicht nur zu jonglieren, sondern auch noch zu wissen, was sie bedeuten. Goethes Mephisto wurde eines Besseren belehrt: Nicht grau war alle Theorie, sondern bunt und attraktiv. Denker wie Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse wurden zu Superstars, und wer etwas auf sich hielt, trainierte sich den Jargon dieser großen Vorbilder an. Günter Grass schrieb schon 1969 spöttisch von der „angelesen Revolution“.

Vordenker: die Sozialphilosophen Theodor W. Adorno (oben links), hier im Mai 1968 mit dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld bei einer Veranstaltung in Frankfurt gegen die Bonner Notstandsgesetze, und Herbert Marcuse (rechts). Foto: imago/Leemage/dpa

Antiautoritär und autonom

Dass sich die Studenten vor allem auf die Kritische Theorie der von Max Horkheimer, Adorno, Marcuse und anderen begründeten Frankfurter Schule beriefen, war natürlich kein Zufall. Die Sozialphilosophen lieferten nicht nur eine radikale Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse, sondern entstammten auch einer Generation von Intellektuellen, die vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Für die 68er, die sich an ihren vielfach in die NS-Zeit verstrickten Vätern abarbeiteten, formulierten sie die Blaupause für einen antiautoritären Gesellschaftsentwurf, der vor allem auf Autonomie setzte. Auch hier gab Adorno die Vorlage: „Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“, schrieb der für seine Vorlesung „Erziehung nach Auschwitz“.

Einer von Adornos Schülern war Hans-Jürgen Krahl, der Kopf des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS); ein hochgebildeter, messerscharf formulierender Intellektueller, der den kompletten Kanon der marxistisch-kritischen Theorie intus hatte. Er starb bereits 1970 im Alter von 27 Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Ein Jahr zuvor hatte eine maßgeblich von ihm initiierte Aktion den Bruch zwischen der Vaterfigur Adorno und den Studenten manifestiert. Als die im Januar 1969 das Frankfurter Institut für Sozialforschung besetzten, rief Adorno die Polizei. Es kam zur Räumung; im Prozess gegen Krahl war Adorno selbst als Zeuge geladen. Im selben Jahr wurde der Professor zur Zielscheibe einer „Oben ohne“-Attacke: Drei Studentinnen stürmten während seiner Vorlesung „Einführung in dialektisches Denken“ nach vorn, entblößten ihre Brüste und versuchten, ihn zu küssen. Der Vorfall ging als „Busen-Attentat“ in die Geschichte ein und wurde später sogar hartnäckig für Adornos frühen Tod nach einem Herzinfarkt am 6. August 1969 mitverantwortlich gemacht.

Ob das so stimmt, darf zumindest bezweifelt werden. Fakt ist jedoch, dass Adorno, aber auch sein früherer Assistent Jürgen Habermas begannen, sich von den Studenten zu distanzieren, als die tatsächlich ernst machten, auf die Barrikaden gingen und den Schritt von der Theorie zur revolutionären Praxis vollzogen. Habermas zum Beispiel warnte vor einer „Polarisierung der Kräfte um jeden Preis“ und warnte in der Hitze der Aus- einandersetzung mit Dutschke sogar vor einem „linken Faschismus“. Die Studenten sahen das diametral anders. Und auch hier lieferte die Theorie — besser noch: die Theorie einer Theorie — das Rüstzeug.

Der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch zeigt das in seinem herausragenden Buch „Der lange Sommer der Theorie — Geschichte einer Revolte 1960-1990“. Für die Studenten damals, schreibt Felsch, hatte Theorie immer einen emanzipatorischen Impetus. Als Gegenentwurf zur akademischen, metaphysischen Philosophie, für die in den 60er Jahren etwa Adornos Antipode Martin Heidegger stand, wurde sie als Handreichung zur aktiven Kritik an den bestehenden politischen und ökonomischen Verhältnissen gelesen, aber auch an der Institution Universität selbst. Damit verbunden war immer der immanente Aufruf zur Veränderung. „Wer damals Theorie sagte, sagte zugleich Praxis — und umgekehrt“, konstatiert Felsch.

Dafür wurde — nicht nur in eingeweihten Studentenzirkeln — gelesen, bis die Augen tränten, mit protestantischem Eifer und eiserner Disziplin. Adorno und Marcuse, Sartre und Lukács, Fanon und de Beauvoir, Trotzki und Bakunin, Marx und die Junghegelianer, Altmeister Hegel selbst. Es war tatsächlich so: Dort, wo heute das Smartphone steckt, trug man damals Bücher — genauer und im wahrsten Sinne des Wortes: Taschenbücher. Denn der Siegeszug der Theorie hing nicht zuletzt — zur Freude aller Marxisten — mit einer Veränderung der Bücherproduktion zusammen. Der Suhrkamp Verlag hatte 1963 — übrigens gegen den anfänglichen Widerstand unter anderem von Max Frisch und Hans Magnus Enzensberger — die ersten Bände der Edition Suhrkamp auf den Markt gebracht — anspruchsvolle literarische und philosophische Texte im preisgünstigen (drei D-Mark!) Taschenbuchformat und mit dem heute klassischen Spektralfarbendesign von Willy Fleckhaus. Autoren wie Bloch, Benjamin oder Wittgenstein verkauften sich plötzlich selbst in Bahnhofsbuchhandlungen ausgezeichnet. Marcuses „Kultur und Gesellschaft I“, nicht gerade ein eingängiger Text, erreichte innerhalb weniger Jahre eine Auflage von 80 000 Exemplaren. 1966 folgte eine weitere Suhrkamp-Reihe mit dem programmatischen Titel „Theorie“. Andere Kleinverlage wie der Berliner Merve Verlag, dessen Geschichte Felsch in seinem Buch exemplarisch erzählt, gingen einen Schritt weiter und druckten im Kollektiv — und gerne unter Missachtung des „bürgerlichen Copyrights“ — billige Pocketbücher, die beim Lesen zerfledderten, deren Autoren in Deutschland aber sonst nicht oder zumindest nur schwer zu bekommen waren: Bettelheim, Althusser, Colletti oder Negri. Genug Theorie-Stoff für die Revolution — oder zumindest die Diskussion darüber.

Mit dem Deutschen Herbst 1977 kam der Wendepunkt. Man hatte sich „müde und wund diskutiert“, sagt Felsch, war am großen Projekt der Revolution verzweifelt. An die Stelle der Kritischen Theorie traten in den 80er Jahren die französischen Poststrukturalisten — Foucault, Derrida und Lyotard statt Adorno und Habermas. Theorie, konstatiert Felsch, verlor ihren gesellschaftskritischen Impetus und wurde — wieder — hermetisch. Bei Merve zum Beispiel fand sie in der Poesie und vor allem der Kunstwelt ein neues, passendes Spielfeld. Wer sich mal durch Kuratorentexte zu Kunstausstellungen gekämpft hat, der weiß, was damit gemeint ist.

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