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Aachen: 1968: Alle Augen auf das Jahr der Veränderung

Aachen : 1968: Alle Augen auf das Jahr der Veränderung

Dieses Bild geht um die Welt: ein Kopfschuss auf offener Straße! Am 1. Februar 1968 tötet Nguyen Ngoc Loan, Polizeichef in Saigon, den gefangenen Vietcong Nguyen Van Lem. Ein Bild des AP-Fotografen Eddie Adams, das die letzte Sekunde im Leben des 34-Jährigen festhält, erscheint weltweit auf den Titelseiten der Zeitungen.

Die Wirkungen dieses Pressefotos des Jahres sind bis heute hin kaum abzuschätzen. Zur gleichen Zeit: „Gammler“ lümmeln sich am Aachener Elisenbrunnen in den Tag hinein. In Paris schleudern Studenten Steine auf Polizisten — auch dies sind Bilder, die sich einbrennen: das Attentat auf Rudi Dutschke, die Ermordung Martin Luther Kings im gleichen Monat, April 1968, in Memphis.

1968 — kaum ein anderes Jahr im 20. Jahrhundert ist so symbolträchtig geprägt, kaum eines so mit Mythen, Vorurteilen und Emotionen verbunden wie dieses. 50 Jahre danach unternimmt — erstaunlicherweise — ein einziges Museum in Deutschland das anspruchsvolle Ausstellungsprojekt, aus der Distanz eines halben Jahrhunderts einen umfassenden Blick auf dieses Jahr der Umwälzungen und seiner Vorgeschichte zu werfen: das Aachener Ludwig Forum. Am 19. April wird die Schau „Flashes of the Future. Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen“ hier eröffnet. Kein Geringerer als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist der Schirmherr.

Legendäres Festival im Jahr 1964

Vor zweieinhalb Jahren hatte Andreas Beitin die Idee zu der Ausstellung. Zu der Zeit war er noch nicht Direktor des Ludwig Forums, sondern Leiter des ZKM-Museums für Neue Kunst in Karlsruhe. In Aachen nun sieht er Bezüge, dass ein solches Projekt gerade hier besonders berechtigt ist, ausgeführt zu werden: Schließlich gilt jenes legendäre „Festival der neuen Kunst“ mit Joseph Beuys 1964 im Audimax als Markstein nicht nur in der Kunstgeschichte.

Und ein nicht minder bedeutendes Ereignis in Aachen jährt sich 2018 zum 50. Mal — auch daran erinnert Beitin mit seinem Ausstellungsprojekt, das er zusammen mit einem Experten für die „68er“, Eckhart J. Gillen, realisiert: 1968 präsentierte Peter Ludwig im Suermondt-Museum zum ersten Mal seine Pop-Art-Sammlung. Gar nicht zu reden von den Bezügen zwischen den 68ern und der RWTH, waren es hier doch vor allem Architekturstudenten, die mit eigenen Galerien und Projekten neuen künstlerisch-demonstrativen Ausdrucksformen den Weg bereiteten.

Rund 280 Werke werden „erstmals Ideen, Aktionen und Selbst-Deutungen einer Generation im Spiegel ihrer künstlerischen Produktion und Praxis zeigen und analysieren“, erklärt Beitin. Das Ergebnis betrachtet er als Umsetzung seines von Anfang an erklärten Anspruchs, „das Ludwig Forum in Zeiten umfassender gesellschaftlicher Veränderungen politischer“ zu machen. Dementsprechend soll die Schau mit seiner gesellschaftspolitischen Thematik auch ein politisches Statement darstellen, das etwa rechtspopulistischen Positionen entgegentritt.

1968 — das Jahr steht im Hintergrund der Ausstellung für den Höhepunkt einer Emanzipations- und Protestbewegung von globalem Ausmaß. Beitin: „Die Umwälzungen betrafen 56 Länder, 22 davon allein in Europa.“ Am Eingang der Schau steht ein großes Werk von Siegfried Neuenhausen: „Die Bürger von B.“, mit dem sich der Künstler auf eine berühmte Skulpturengruppe von Rodin bezieht. War Rodins Skulptur eine Verherrlichung des bürgerschaftlichen Engagements, sind „Die Bürger von B.“ nur noch desinteressierte, uniforme Bürokraten. Daneben wird zu Beginn der Ausstellung ein selten gezeigtes Werk von Günther Uecker präsentiert, „Barrikade“, das eindrücklich auf die Stimmung der Zeit um 1968 verweist. Einige Kunstwerke der Ausstellung sind erstmals in Deutschland zu sehen.

Zahlreiche Werke dokumentieren die 68er-Ereignisse schwerpunktmäßig in der damaligen Tschechoslowakei, in den USA, Ungarn, Frankreich und natürlich in Deutschland. Dabei geht es um Fragen wie diese: Mit welchen Bildern haben Künstlerinnen und Künstler auf die Bilder von Gewalt und Unruhen geantwortet? Konnten tradierte Kunstformen überhaupt noch adäquate Antworten geben? Und: Wie haben Künstlerinnen und Künstler sich der „hässlichen Fratze des Kapitalismus“ gestellt, wie sind sie prüder Sexualmoral und verkrusteten Geschlechterrollen begegnet?

Werke der Sammlung Ludwig

Den Kern der Ausstellung sollen ausgewählte Werke aus der Sammlung Ludwig bilden. Dazu gehören künstlerische Stellungnahmen zum Vietnamkrieg oder zur nuklearen Bedrohung, ebenso wie Beispiele neuer Ausdrucksformen sowie die Ikonografie der Studentenbewegung und die Kritik des Konsums.

Zur Ausstellung erscheint ein sage und schreibe 592 Seiten starkes Buch aus der Reihe „Zeitbilder“ der Bundeszentrale für politische Bildung, die Andreas Beitin und Eckhart Gillen als Partnerin für das Projekt gewinnen konnte. Die zweisprachige Publikation wird nur sieben Euro kosten. Großzügig unterstützt wird das Ganze vom NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft, der Peter und Irene Ludwig Stiftung, der Kulturstiftung der Länder und dem Landschaftsverband Rheinland.

Bereits am 13. April wird parallel die Ausstellung „Flashes of the Past. Medienwandel und Protestkultur“ im Internationalen Zeitungsmuseum Aachen eröffnet. Hier geht es um die Rolle der Medien in den 68ern, zudem der des Axel-Springer-Verlags. Keine Frage, dass die Ausstellungen von einem reichhaltigen Rahmenprogramm begleitet werden, so zeigt unter anderem das Theater K im Ludwig Forum Peter Handkes Stück „Kaspar“, das 1968 uraufgeführt wurde.