Aachen: Klartext von Schulz vor RWTH-Studenten

Aachen : Klartext von Schulz vor RWTH-Studenten

Für die Studierenden der RWTH, die Professoren und für die Bürger der Stadt gab es am Vortag der Karlspreisverleihung 2015 einen größeren Hörsaal. Das war gut so, denn die nachmittägliche Kulisse war in der Tat eines Heimspiels würdig, der Saal füllte sich richtig gut, die Stimmung unter den jungen Menschen ist locker.

Schließlich stammt der designierte Preisträger und derzeitige EU-Parlamentspräsident, Martin Schulz, „von nebenan“, er kommt aus Würselen, dort war der SPD-Politiker lange Jahre Bürgermeister der Stadt. „Ich wage es nicht, ihn als Öcher Jungen vorzustellen“, bricht RWTH-Rektor Prof. Ernst Schmachtenberg anfänglich das Eis im Kármán-Auditorium, ein Frösteln vor der großen Politik kommt an diesem schönen Frühjahrstag jedoch erst gar nicht auf. „Sie haben in Würselen wie ich weiß ihren ganz eigenen Stolz“, meint der Rektor versöhnlich - und man sieht sofort, dass Martin Schulz dem innerlich sehr, sehr beipflichtet.

Dann geht es schnell um europäische Politik, wie selbstverständlich um ihre Geschichte, deren friedenstiftende Macht Schulz den jungen Menschen nahe bringen will. „Schon 1950 trat das besiegte Deutschland der Gemeinschaft von Kohle und Stahl bei, der Geburtsstunde der späteren Union“, erinnerte Schulz und machte deutlich, dass nach Auschwitz und zwei verheerenden Weltkriegen, die von deutschem Boden ausgingen, es für die Siegermächte nicht unbedingt selbstverständlich war, „die Deutschen mit an den Tisch zu lassen“, erinnerte Schulz an die Verbrechen des Nazi- Deutschland.

Doch die Entscheidung der EU-Gründerväter führten zu Jahrzehnte ohne Krieg in Europa: „Die Gründung der Europäischen Union war eine Innovation gegen den Krieg, eine nach diesen Jahrhunderten „außergewöhnliche Errungenschaft“, sagte Schulz zu den Studierenden.

Wie selbstverständlich ging es auch zu brennend aktuellen Themen, der Flüchtlingspolitik der EU etwa, die bei der späteren Diskussion im Auditorium noch vertieft wurde.

„Wir sind in der Tat ein Einwanderungsland“, sagte Schulz, und man müsse sich dem Migrationsphänomen des 21. Jahrhunderts stellen. Die EU und auch Deutschland sei dazu auch in der Pflicht, dem Grundrecht des politischen Asyls eine weitaus größere Bedeutung einzuräumen, als es derzeit der Fall sei. „Wir brauchen in der EU gesetzliche Regeln, um die Einwanderung zu regulieren. Jeder muss zumindest eine Chance bekommen, sich um eine Einreise zu bemühen“. Schulz kündigte den Kampf gegen menschenverachtende Schleuserbanden am Mittelmeer an, denen man mit einer Einwanderungspolitik die Grundlagen entziehen müsse.

Wie immer war Schulz nicht um sehr deutliche Worte verlegen: „Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass ein Mann wie David Cameron in einem Land mit 60 Millionen Einwohnern es kategorisch ablehnt, auch nur 3000 Menschen aufzunehmen“, kritisierte er die Weigerung der Regierung Großbritanniens und drei weiterer EU-Mitgliedern, sich an der besseren Verteilung der Aufnahmequoten für die Flüchtlinge zu beteiligen. „Cameron sagt, er schickt gerne die Royal Navy ins Mittelmeer. Aber sie dürfe nur helfen, die Flüchtlinge zurück oder nach Italien zu bringen“, funkelten Schulz Augen ob der zynischen Politik der Briten.

„Wir brauchen mehr Europa“, forderte der EU-Parlamentspräsident und versprach unter anderem, bei der Frage des US-Handelsabkommens „TTIP“ „keine Schlupflöcher“ durch private Schiedsgerichte zuzulassen.

Selbstverständlich war der Karlspreisträger sich bewusst, an einem hochkarätigen Wissenschaftsstandort zu sprechen. „Wir haben im letzten Jahr bei den Forschungsgeldern kürzen müssen“, bedauerte Schulz. Das sei auf dem Mist unter anderem der deutschen Regierungschefin Merkel gewachsen. Er sei aber überzeugt, dass mehr EU-Gelder in Forschung und Technologie fließen müssen — und nicht weniger. In Anspielung auf die nach wie vor hohen Agrarsubventionen der EU rief er aus: „Wir müssen nicht mehr Gelder in Kohlrüben, sondern in die Rüben unserer Studenten investieren“. Das brachte richtig strammen Applaus ins Auditorium, Schulz hatte es in nur einer Stunde mit Bravour geschafft, die jungen Menschen auf seine Seite und ein Stückchen mehr auf die Seite der Europäischen Union zu ziehen.

„Wählerschwund?“ fragte er zurück. Bei der jüngsten Europawahl habe es durch die personelle Zuspitzung der Parlamentswahl und der des Kommissionspräsidenten ein Plus von fünf Prozent gegeben. Das schreibe er auch seinem Einsatz zu, meinte der künftige Karlspreisträger mit einem augenzwinkernden Lächeln.

Als Lebensmotto und Aufforderung zu guten Taten schrieb Schulz den Studierenden ein Zitat des britischen Staatsphilosophen Edmund Burke ins Stammbuch: „Für den Sieg des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun“. Daran solle man immer denken. Es gab richtig viel Beifall für den EU-Politiker.

Schulz‘ Offenheit und rednerische Zuspitzungskraft verspricht eine kurzweilige Karlspreisverleihung ab 11 Uhr am Himmelfahrtstag im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Es werden acht Staatsoberhäupter erwartet, der Sicherheitsaufwand ist dementsprechend.