Aachen: Karlspreis: Viel Prominenz rollt Garton Ash den Teppich aus

Aachen : Karlspreis: Viel Prominenz rollt Garton Ash den Teppich aus

Redefreiheit — der Titel seines jüngsten Werks könnte allemal als ebenso schlichte wie herausfordernde Maxime für den denkbar reichhaltigen Veranstaltungsmarathon im Vorfeld der Karlspreisverleihung herhalten. Bevor der britische Historiker und Publizist Professor Timothy Garton Ash aus Oxford am Himmelfahrstag mit der wichtigsten Auszeichnung geehrt wird, die der vereinigte Kontinent kennt, präsentiert das Karlspreisdirektorium in Zusammenarbeit mit dem städtischen Kulturbetrieb ein wahrhaft prall gefülltes Paket aus hochkarätigen Vorträgen und Diskussionen.

Film- und Tanzvorführungen, Ausstellungen, Konzerte und Lesungen runden den rasanten Reigen zur Einstimmung auf den Festakt am 25. Mai im Rathaus ab. Nicht weniger als rund 50 Termine umfasst die druckfrische Infobroschüre, die ab sofort in zahlreichen öffentlichen Einrichtungen erhältlich ist.

Nie zuvor freilich flatterte das blaugelbe Banner der EU derart unberechenbar im Wind der Veränderungen, die den vielzitierten Eingungsprozess angesichts der jüngsten Wählervoten in Garton Ashs britischer Heimat, in den Niederlanden und Frankreich kennzeichnen. Immerhin: Mit der ersten Etappe zur Wahl des neuen französischen Staatspräsidenten am vergangenen Sonntag sei ein weiterer entscheidender Hoffnungsschimmer am krisengetrübten Horizont der Union erkennbar, sagte Direktoriumssprecher und Alt-OB Dr. Jürgen Linden am Montag bei der Vorstellung des rund 60-seitigen Programmhefts zum Karlspreis 2017.

Dennoch: Ungeahnte Dimensionen werde die Debatte um Europas Zukunft in den kommenden ein bis zwei Jahren schon angesichts des Auszugs der Briten aus dem europäischen Haus annehmen. Und das dürfe ebenso für die Fülle der Angebote gelten, welche in den kommenden knapp fünf Wochen auf etlichen Bühnen von Stadt und Region zu erleben sind, betonte Oberbürgermeister Marcel Philipp. „Einmal mehr ist es dank zahlreicher Helfer gelungen, ein einzigartiges Programm mit etlichen prominenten Gästen auf die Beine zu stellen, nach dem sich andere Städte die Finger lecken würden“, meinte Linden.

Bereits am morgigen Mittwoch stehen die Folgen des spektakulären britischen Abgangs einmal mehr im Fokus: Im Krönungssaal fixiert Professor Dr. Hans-Werner Sinn, ehemaliger Präsident des renommierten IFO-Instituts, ein „15-Punkte-Programm für die Neugründung Europas“. Im Gespräch mit Ruth Berschens, Büroleiterin des Handelsblatts in Brüssel, Hubert Herpers, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Aachen, und Christoph Schmallenbach, Vorstandsvorsitzender der AachenMünchener, lotet der bekannte Ökonom die wirtschaftlichen Perspektiven der Union nach dem Brexit aus.

Die Moderation der Veranstaltung in Zusammenarbeit mit den Rotary-Clubs der Region übernimmt Michael F. Bayer, Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen (18 Uhr, Eintritt frei). Zurück zu den geistigen Wurzeln Europas geht es am Freitag, 28. April, ebenfalls im Krönungssaal beim Vortrag des Aachener Historikers Professor Max Kerner über Alkuin und Karl den Großen (18 Uhr, Eintritt frei). Zum Thema „Fake News oder der Wert der ,Wahrheit‘“ referiert Professor Udo Göttlich, Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, am Sonntag, 30. April, im Centre Charlemagne am Katschhof (11.15 Uhr, Eintritt frei).

Nachhaltige Impulse für die Debatte um den künftigen Stellenwert des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Schulterschlusses zwischen Atlantik, Mittelmeer und Skagerrak verspricht zudem eine Veranstaltungsreihe mit fünf exponierten Polit-Profis: Unter dem Titel „Welches Europa wollen wir — und wie viel?“ beziehen sie im Gespräch mit Redakteuren unserer Zeitung Stellung zu gravierenden Grundsatzfragen im Hinblick auf die Weiterentwicklung der europäischen Idee (siehe Rubrik rechts).

Damit bei weitem nicht genug: So gibt der emeritierte RWTH-Historiker Professor Klaus Schwabe am Mittwoch, 3. Mai, Auskunft über einen der maßgeblichen Gründerväter der EU, den französischen Unternehmer Jean Monnet, Karlspreisträger von 1953, und dessen erstaunlich widersprüchliche Haltung gegenüber dem vergleichsweise spät erfolgten Beitritt der Briten zur damaligen EWG im Jahr 1973 (19 Uhr, Centre Charlemagne, Katschhof, Eintritt frei). Auf (verbale) Tuchfühlung mit dem aktuellen Karlspreisträger Garton Ash geht der bekannte „Stern“-Journalist Hans-Ulrich Jörges am Freitag, 5. Mai, mit einem Porträt aus erster Hand über den britischen Kollegen, den er in den späten Siebzigern erstmals persönlich traf (18.30 Uhr, Sparkasse, Münsterplatz 7-9, Eintritt frei).

Eine lebende europäische Legende gibt sich schließlich bereits am Samstag, 6. Mai, die Ehre im Dreiländereck: Bevor er am Abend mit dem diesjährigen Polonicus-Preis geehrt wird, stellt sich Lech Walesa, ehemaliger polnischer Gewerkschaftschef, Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger des Jahres 1983, den Fragen der geladenen Gäste im Rathaus (geschlossene Veranstaltung).

Etliche weitere Vorträge und Diskussionen — etwa ein Gespräch mit dem Initiator der vielbeachteten „Pulse of Europe“-Bewegung, dem Frankfurter Anwalt Dr. Daniel Röder am Mittwoch, 17. Mai (19 Uhr, Hörsaalzentrum Claßen-Straße 11) — prägen den eng gesteckten Terminkalender, bis Timothy Garton Ash die Aachener persönlich beehrt. Traditionell wird der Karlspreisträger sein Aachen-Gastspiel am Vorabend der Verleihung im Gespräch mit Studierenden einläuten. Am Mittwoch, 24. Mai, wird das nagelneue Hörsaalzentrum der RWTH an der Claßenstraße 11 zum ersten großen Forum für den umtriebigen Vor- und Querdenker aus Großbritannien (14.30 Uhr, Hörsaal HO3, Eintritt frei).

Dass er seine Redefreiheit schon am Vorabend der Verleihung ausgiebig nutzen wird, steht also zu erwarten. Angebote, Timothy Garton Ashs Gedanken, Folgerungen und Forderungen rund um Europa ausgiebig zu verfolgen, gibt es freilich schon jetzt: Eine Auswahl seiner Publikationen liegt ab Dienstag im Café Karls des Centre Charlemagne aus, in der Stadtbibliothek an der Couven-straße wird eine große Präsentation über Werk und Wirken des Karlspreisträgers 2017 eröffnet.